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Beitrag von Henning Beck aus managerSeminare 343, Oktober 2026
Wie oft hinterfragen Sie die Ansagen Ihres Navigationssystems? Ich kenne Menschen, die einfach ins Auto steigen, die Adresse eingeben und dann stumpfsinnig den Ansagen hinterherfahren. Ich gestehe: Ich bin anders. Ich überprüfe ständig, ob sich noch eine bessere Route auftut oder ein Stau entstehen könnte. Manchmal passiert dann mein größtes Unglück: Ich fahre auf ein Autobahnkreuz zu und habe zwei Routenoptionen, die sich in ihrer Ankunft um eine winzige Minute unterscheiden. Ich hasse diesen Moment, denn ich muss schnell entscheiden: die A 45, zwar kürzer, aber mit mehr Baustellen? Oder die A 3, länger, aber mit meist flüssigerem Verkehr? Ich schwitze Blut und Wasser wegen einer mickrigen Minute.
Merke: Kritisch zu denken kann anstrengend sein. Doch im Gegensatz zur Navigationsfahrt im Auto ist es in anderen Lebensbereichen essenziell. Ein Grundproblem unserer Zeit ist, dass wir mit so vielen Informationen konfrontiert werden, dass wir mitunter nicht mehr unterscheiden können, was verlässlich ist und was nicht. Um die Übersicht zu bewahren, behilft sich das Gehirn in diesem Informationsüberfluss mit einer praktischen Abkürzung: Die Information, die am einfachsten zu erreichen ist und sich oft wiederholt, ist die stimmigste. Der Fachbegriff dafür lautet „Informationsflüssigkeit“: Je einfacher wir von einer Information erreicht werden, desto richtiger sollte sie sein. Das war vermutlich mal eine ziemlich brauchbare Strategie. Mittlerweile verbreitet sich Unsinn jedoch mindestens genauso schnell wie die Wahrheit. So wird aus einer mentalen Abkürzung ein ziemlich direkter Weg zum Irrtum.
Ein Beispiel, wie wir Opfer der Flüssigkeitsillusion werden, kennen Sie bestimmt: Es ist die Cyberchondrie, das psychologische Phänomen, dass man sich Krankheiten „ergoogeln“ kann. Sie geben aus reinem Interesse ein beliebiges Symptom in eine Suchmaschine und erhalten fast immer als mögliche Erklärung: Es muss Krebs sein! Die bloße Geschwindigkeit der Information suggeriert Gewissheit. Auf Facebook fühlen sich die Menschen in einem Thema besonders kompetent, wenn sie sich bloß die Überschriften eines Artikels durchlesen. Sogar kompetenter als jene, die sich den Artikel tatsächlich durchgelesen haben. Mit unserer Bequemlichkeit tricksen wir uns selbst aus.
Es gibt nur wenige Maßnahmen, um dieser Flüssigkeitsillusion zu entkommen. Eine davon wird in der Medizin angewendet: die „medizinische Pause“. Ärzte verbessern die Qualität ihrer Diagnose, indem sie nach der Erstdiagnose kurz innehalten und sich fragen, ob es noch zwei alternative Erklärungen geben könnte. Man durchbricht den Automatismus des vorschnellen Glaubens und hat außerdem noch die Möglichkeit, sich eine Zweitmeinung einzuholen. Ich nutze dieses Prinzip mittlerweile öfter für eine „metakognitive Pause“. Gerade bei naheliegenden Schlüssen halte ich grundsätzlich inne und versuche bewusst, mein eigener „Advocatus Diaboli“ zu sein. Meist reicht jedoch schon die pure zeitliche Verzögerung, um meine eingebaute Leichtgläubigkeit zu unterbrechen.
Für mein Navigationsverhalten habe ich mir jedoch die gegenteilige Strategie überlegt: Ich bleibe immer auf der vorgeschlagenen Strecke. Diesen Sonderfall des Unkritischen gönne ich mir um des Friedens willen. Fragen Sie gerne meine Beifahrer, warum.
Der Autor: Henning Beck ist Neurowissenschaftler, und zwar einer der verständlichen. In Vorträgen und Seminaren vermittelt er die spannenden Themen des Gehirns. Sein aktuelles Buch heißt „Besser denken –Fokussieren, Verstehen, Entscheiden“. Kontakt: henning-beck.com
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