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Beitrag von Henning Beck aus managerSeminare 342, September 2026
Wenn Sie die Kreativität eines Menschen messen wollen, haben Sie ein Problem. Denn Kreativität ist keine objektiv messbare Größe. Sie können sich nicht neben eine Person stellen, ein Maßband herausholen und damit ihre Ideen vermessen. Ideen sind subjektiv. Ob sie funktionieren, müssen andere Menschen beurteilen. Deswegen behilft man sich mit einem Trick. Bestimmt kennen Sie den Guilford-Test zur Bestimmung des Kreativvermögens von Menschen. Erdacht vom US-amerikanischen Psychologen Joy Paul Guilford in den 1950ern fragt dieser Test die Denkflexibilität von Menschen ab: Finde möglichst viele Verwendungsmöglichkeiten für einen Ziegelstein oder für eine Zahnbürste. Je ungewöhnlicher und zahlreicher die Antworten sind, desto kreativer der Mensch.
Divergentes Denken nennt man diese kognitive Fähigkeit, auch abseitige Verwendungen zu finden. Ganz ähnlich wie es Steve Jobs nannte: „Creativity is just connecting things.“ Wer originelle Verknüpfungsmöglichkeiten findet, kommt auf neue Ideen. Wenn man die Zahnbürste mit Malerei verknüpft, wird aus dem Hygieneartikel ein Hilfsmittel, um Farbe aufzutragen. Wer den iPod mit dem Handy verknüpft, hat ein iPhone.
Um es klar zu sagen: Ich halte diese Denkweise für ein Auslaufmodell. Wer sich in Zukunft weiterhin auf den Guilford-Test verlässt, um menschliche Kreativität zu testen, fragt eine Denkfähigkeit der Vergangenheit ab. Denn viele Verwendungsmöglichkeiten oder Verknüpfungen zu finden, ist ein durch Sprachmodelle gelöstes Problem. Jede handelsübliche generative KI findet hundert Verwendungsmöglichkeiten für eine Zahnbürste und verknüpft beliebig viele Ideen zu etwas Neuem. Menschliche Kreativität muss sich auch auf andere Fähigkeiten konzentrieren.
Im Frühjahr dieses Jahres veröffentlichten Forscher eine KI namens „Talkie“, die ausschließlich mit Daten vor dem 1.1.1931 trainiert wurde. Die Frage: Könnte diese sogenannte „Vintage-KI“ anhand der Daten der Vergangenheit die Durchbrüche und Veränderungen der Zukunft antizipieren? Kurze Antwort: nein, natürlich nicht. Denn durch die bloße Analyse und Neukombination des Gestern lässt sich ein Morgen nicht vorhersagen. Daraus folgt, dass menschliche Kreativität in Zukunft weit mehr sein muss, als man in den 1950ern im Guilford-Test gemessen hat. Statt divergent zu kombinieren, müssen wir uns überlegen, wo wir hinwollen. Und was müssten wir jetzt tun, um dorthin zu kommen?
Backcasting nennt sich diese Denktechnik, bei der man nicht von heute aus die Zukunft überlegt, sondern umgekehrt vorgeht. Man setzt sich zuerst einen Zielzustand, der bewusst nicht aus den Trends von heute folgt, sondern aus dem, was man wirklich erreichen will. Dann fragt man rückwärts: Welche Schritte, welche Ressourcen, welche gebrochenen Regeln wären nötig, um dorthin zu gelangen? Amazon nutzt dazu die Methode, für ein noch gar nicht existierendes Produkt zuerst die fertige Pressemitteilung zu schreiben, und erst danach rückwärts zu planen, was dafür entwickelt werden muss. Wer als Führungskraft künftig Kreativität in seinem Team fördern will, sollte also seltener fragen, was heute getan werden muss. Sondern was von morgen rückblickend getan worden sein sollte. Vielleicht entsteht so eine bahnbrechende, mindestens jedoch eine zukunftsfähige Idee.
Der Autor: Henning Beck ist Neurowissenschaftler, und zwar einer der verständlichen. In Vorträgen und Seminaren vermittelt er die spannenden Themen des Gehirns. Sein aktuelles Buch heißt „Besser denken –Fokussieren, Verstehen, Entscheiden“. Kontakt: henning-beck.com
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