Lernen

Kompetenzentwicklung aus der Zukunft gedacht
Kompetenzentwicklung aus der Zukunft gedacht

Lernen braucht Reibung

Lernen wird immer zugänglicher, passgenauer und individueller. KI wird diese Entwicklung weiter beschleunigen. Was auf den ersten Blick viele Vorteile bringt, birgt jedoch auch ein Risiko: Auf den „glatten“ Lernpfaden drohen jene Momente verloren zu gehen, die für die Entwicklung von Urteilskraft und „echter“ Kompetenz besonders wichtig sind. Für Learning & Development ergibt sich daraus eine paradoxe Herausforderung: Lernen so zu optimieren, dass es nicht reibungslos läuft.

Preview

Riskanter Reibungsverlust: Warum es problematisch ist, dass Lernprozesse immer passender und besser werden

Produktive Ungewissheit: Warum sich „echtes“ Lernen der vollständigen Steuerung entzieht

Unverzichtbare Positionierung: Warum Lernen zu einem Ort von Haltung und Entscheidung wird

Lebenswichtige Offenheit: Warum Lernen aus der Systemlogik herausführen muss

Hilfreiche Hürden: Wie sich produktive Reibung im Lernen gestalten lässt


Cover managerSeminare 343 vom 25.09.2026Hier geht es zur gesamten Ausgabe managerSeminare 343

Mars, BioDom 7, August 2045: Mira ist 16 und steckt mitten in ihrer Abschlussprüfung im Fach „Ökologische Systeme“. Sie liegt auf dem moosartigen Boden und starrt in einen Wald, den es noch nicht gibt. Vor ihr schimmert die Simulation eines Mikro-Ökosystems: Pilznetzwerke, Sauerstofflinien, Wasseradern, Begegnungsflächen für Menschen, Rückzugsräume für Pflanzen. Gemeinsam mit Raúl soll sie einen Wald entwerfen, der Biodiversität erhält und das Zusammenleben in der Marskuppel Aurea verbessert.

Ihr NeuroLink liefert Daten in Echtzeit. Die KI-Begleiterin Tiv erkennt, wo das System kippt, bevor Mira es selbst versteht. „Das Pilznetzwerk bricht unter der sozialen Nutzungslast zusammen“, sagt Raúl. Tiv schlägt eine Lösung vor: drei Parameter verändern, zwei Arten ersetzen, Bewegungsströme anders lenken. Die Simulation stabilisiert sich. Der Wald funktioniert. Mira könnte jetzt abgeben. Stattdessen löscht sie den Vorschlag, weil er ihr zu schnell richtig ist. Mitten in ihrer Abschlussprüfung entscheidet sie sich gegen die sichere Lösung. Sie will herausfinden, was passiert, wenn der Wald eigene Rhythmen entwickelt. Am nächsten Tag kritisiert die Jury ihre Lösung: zu wenig Rückzugsräume, zu viel Offenheit, zu wenig Absicherung. Aber sie würdigt Miras Vorgehen, dem System mehr Raum zu geben und es nicht vollständig beherrschen zu wollen.

Diese Szene ist keine Zukunftsmalerei, sondern das Ergebnis einer bewussten Verfremdung, um die Gegenwart schärfer zu sehen. Wir, die Mitglieder der Fachgruppe „Neues Lernen“ des Berufsverbandes für Training, Beratung und Coaching (BDVT), haben uns im Rahmen eines Gedankenexperiments von der Erde auf den Mars begeben, aus der Gegenwart in die Zukunft versetzt und unseren angestammten Denkraum „Weiterbildung“ mit dem der „Schule“ getauscht, um uns von impliziten Annahmen und Selbstverständlichkeiten zu lösen und einen befreiten Blick auf Entwicklungen im beruflichen Lernen zu werfen. Dabei ist uns etwas klar geworden, was aus alltäglicher Perspektive mitunter schwer ersichtlich ist (siehe dazu auch Kasten „Mehr zum Thema“).

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