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Beitrag von Martin Wehrle aus managerSeminare 344, November 2026
„Julian ist einfach viel souveräner als ich“, „Emma kennt sich mit dem Thema viel besser aus.“ Wenn Teammitglieder an sich zweifeln, hören wir als Führungskräfte oft solche Sätze. Wer jetzt einfach antwortet „Das stimmt doch gar nicht“, bewirkt leider das Gegenteil. Der Vergleich bleibt bestehen – nur mit umgekehrtem Vorzeichen.
In solchen Situationen kann es hilfreich sein, dem Teammitglied eine Parabel zu erzählen, die ich im Coaching gerne verwende. Ein passendes Setting dafür kann etwa ein gemeinsames Mittagessen sein. Für Gespräche zwischen Tür und Angel eignen sich Parabeln weniger. Sinnvoll ist zudem eine Einleitung à la „Wenn du mir erlaubst, einmal zum Märchenonkel/zur Märchentante zu werden …“. Damit lässt sich einer möglichen Befangenheit vorbeugen, schließlich dürften Geschichten im Führungsalltag eher ungewohnt sein. Diese Geschichte geht so: Der Löwe im Wald war stolz und behauptete: „Ich bin das größte Tier!“ Da widersprach ein kleiner Vogel: „Die Schlange ist viel länger.“ Also sagte der Löwe: „Dann bin ich eben das lauteste Tier!“ Doch der Vogel konterte: „Der Specht ist lauter.“ Der Löwe suchte verzweifelt nach einer Disziplin, in der er die Nummer eins war. Schließlich erklärte er: „Ich bin das selbstbewussteste Tier im Wald!“ Der Vogel antwortete: „Wer wirklich selbstbewusst ist, muss niemanden übertreffen.“
Die Stärke der Geschichte besteht darin, dass sie starre Glaubenssätze aufweicht – und so den Boden für offeneres Denken bereitet. Daran anknüpfen können Fragen wie: „In welcher Disziplin versuchst du gerade, die anderen zu übertreffen?“, „Und was passiert mit deinem Selbstwert, wenn du diesen Vergleich immer wieder anstellst?“ So wird das Teammitglied vom fremden Maßstab weg und zurück ins Revier des eigenen Könnens geführt. Statt es zu beschwichtigen („Du kannst das genauso gut“), wird der Scheinwerfer auf seine Stärken gerichtet: „Angenommen, du müsstest die Kollegin überhaupt nicht übertreffen: Welche deiner Fähigkeiten kannst du in dieses Projekt einbringen?“ Vielleicht stellt sich heraus: Das Teammitglied präsentiert zwar nicht so dynamisch wie die Kollegin, strukturiert dafür aber komplexe Probleme besonders zuverlässig oder beruhigt schwierige Kunden im Handumdrehen. Stärken werden erst sichtbar, wenn wir aufhören, sie mit den Talenten anderer zu vermessen.