DGFP-Kongress 2015

Digitalisierung zwischen Traum und Trauma

Berlin, hippe Locations, ein brandaktuelles Thema: Die Deutsche Gesellschaft für Personalführung hatte für ihren Kongress „zur digitalen Transformation von Unternehmen“ alle Register gezogen. Doch die Veranstaltung Ende Februar 2015 zeigte: Für Personaler ist die Digitalisierung immer noch mehr Trauma als Traum.

Kamera: Tobias Büchner, Berlin
Berlin, 23. Februar, am Abend. Die factory füllt sich. Der Campus für Gründer und Innovatoren bildet die Location für den Start des diesjährigen Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Personalführung, seit vergangenem Jahr DGFP // congress genannt. Wir beginnen mit einem Kaltstart ins Networking. Prosecco wird gereicht, die Begrüßung der rund 400 Teilnehmer ist frisch und formlos.

Alsbald zeigt sich der erste digitale Spagat. Per App sollen die Teilnehmer ein Stimmungsbild zu den Fragen der Moderatoren, Carl Naughton und Sascha Armutat, abgeben. Fragende Blicke, ein hektischer Griff zum Handy. Keine App, sowieso kein Empfang. Bis alle im WLAN sind und den Barcode vom Programmheft abgescannt haben, sind wir beim nächsten Programmpunkt. Anitra Eggler spricht die Abend-Keynote.

Die selbst ernannte Digitaltherapeutin mags plakaktiv: Wie viel Zeit verbringen wir womit? Im Rahmen eines 75jährigen Lebens, so rechnet sie vor, würde man 8 Jahre mit dem Handy, 6 Jahre im Internet, und 8 Monate allein mit dem Löschen von E-Mails beschäftigt gewesen sein. Demgegenüber stehen nur 14 Kusstage. Ein Skandal? Für Eggler schon. Obwohl sie sich als Kriegerin des menschlichen Umgangs mit digitalen Medien vorstellt, will ihre Liebe zum Web nicht so richtig zu Tage treten. Sie warnt, etwa vor der Versklavung durch Mails. Mitarbeiter sitzen vor dem PC und warten nur drauf, dass die nächste Mail aufpoppt. Da sitzen wir mit unserem Partner im Restaurant und posten als erstes ein Foto vom Essen, statt mit ihm zu reden.

Amüsant ists dennoch, die Personaler nehmens mit Humor, allzu digital sind sie ohnehin nicht. Man freut sich über den Link donotingfor2minutes.com und die Aussage „das Betriebssystem sind Sie“.

Szenenwechsel: der nächste Tag, e-werk, Berlin. Das ehemalige Umspannwerk in Berlin-Mitte ist fast noch hipper, der Kontrast eines Industrie 1.0-Denkmals, heute gefeiert als Techno-Palast, ist perfekt. Die Reihen sind gefüllt, das Programm folgt einer ausgeklügelten Dramaturgie. „Das Thema ist komplex, und wir haben wenig Zeit.“ Es sind apodiktische Worte, mit denen Gerhard Rübling die Teilnehmer des DGFP-Kongresses am Morgen des zweiten Veranstaltungstages auf das Programm einstimmt. Man konnte den Vorstandsvorsitzenden der Personalerorganisation gut wörtlich nehmen: Eineinhalb Tage sind nicht viel, um die aufgeworfenen Themen aus dem Programmheft zu diskutieren – angefangen von der Informatisierung der Fertigungstechnik (Stichworte: Industrie 4.0, 3-D-Drucker) über Algorithmen, die menschliche Entscheidungsprozesse verkürzen oder gar ersetzen, bis hin zu digitalisierten Wissensarbeits- und Kollaborationsprozessen.

Rüblings Worte waren allerdings auch im übertragenen Sinne unmissverständlich: Die deutsche Wirtschaft steht unter Druck. Sie muss ihre Geschäfts- und Arbeitsprozesse digitalisieren, um kundenorientierter und schneller arbeiten zu können und damit auf volatilen Märkten Bestand zu haben. „Deutschland muss versuchen, wieder den Anschluss zu bekommen“, sagte der DGFP-Chef. Offensichtlich teilten die Kongressbesucher diesen Eindruck. Jedenfalls war die Veranstaltung deutlich besser besucht als die im vergangenen Jahr zum Thema Globalisierung.

Dass die Brisanz des Themas erkannt worden war, hieß allerdings nicht, dass alle froh waren, sich damit beschäftigen zu dürfen. „Man hat ja eigentlich keine Chance, da nicht mitzumachen“, „Wir sind eher getrieben als dass wir treiben“, waren Töne, die im Publikum wie auf dem Podium zu vernehmen waren. Die Personaler betrachteten das Thema bislang viel zu sehr unter Gefahrengesichtspunkten, rügte etwa Jörg Rumpf, Vice President der Hay Group GmbH. Die Folge: „HR hinkt hinterher und droht den Anschluss zu verlieren.“

Tatsächlich drohte auch dem Kongress zunächst, den Anschluss ans eigene Thema zu verlieren. Vom beinahe atemlosen Parforceritt durch digitale Vorzeigeunternehmen bis hin zum weiten Feld der Sorgen und Risiken reichten die ersten Diskussionen am zweiten Veranstaltungstag im Berliner E-Werk. Big Data, ein in der Öffentlichkeit ohnehin hoch umstrittenes Thema, stand auf der Agenda: Können Algorithmen Managemententscheidungen wirklich optimieren? Die Diskutanten zeigten sich skeptisch. Schließlich gelang dem Netzaktivisten und Journalisten Markus Beckedahl eine wohlwollende Zusammenfassung: „Big Data kann dann positiv genutzt werden, wenn Transparenz statt Vertuschung herrscht.“ Freilich müssten die Unternehmen dafür wissen, was sie mit den Daten, die sie sammeln, anfangen wollen. Und freilich müssten sie über die Verwendung offen informieren.

Beispiele für die positive Nutzung von Big Data im Unternehmen nannte später am Tag noch Google-Personalvorstand Frank Kohl-Boas: Mit den Krankheitsdaten von Mitarbeitern könnte man zum Beispiel feststellen, unter welchen Führungs- und Arbeitsbedingungen besonders viele erkranken. Und so erfüllte sich im Laufe des Tages die Losung, die DGFP-Geschäftsführerin Katharina Heuer ausgegeben hatte: „Wir sollten stärker die Chancen sehen, und nicht nur die Risiken diskutieren.“

Die inhaltliche Wende des Kongresses gelang mit Wilhelm Bauer. Nach bereits einigen Diskussionsrunden, die zwar unterhaltsam Meinungen transportierten, aber an inhaltlichem Tiefgang vermissen ließen, sprach der Leiter des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation der Universität Stuttgart, eine ebenso aufrüttelnde wie unaufgeregte Keynote. „Computer machen die Arbeit. Was machen wir?“, fragte er rhetorisch in die Runde und nährte damit die Befürchtungen, dass aufgrund der Automatisierung von Arbeitsprozessen in den kommenden Jahren womöglich 40 Prozent aller Jobs wegbrechen. „Vor allem Jobs im mittleren Qualifikationsbereich, etwa in der Facharbeit und Sachbearbeitung“, erläuterte Bauer. Doch er sah keinen Grund zur Beunruhigung: „Dafür werden auch viele neue Jobs entstehen“, betonte der Forscher. Die Digitalisierung könnte sogar helfen, das Gap zu schließen, das durch die in Rente gehenden Baby-Boomer entsteht, so der Wissenschaftler, Bezug nehmend auf eine Aussage des VW-Personalvorstands Horst Neumann. Der HR-Gilde riet Bauer zu „weniger Schiss“ und „mehr Mut, Dinge auszuprobieren“.

Sein Rat hatte einen wissenschaftlichen Hintergrund. Denn Studien zeigen, so Bauer, dass vor allem diejenigen, die bereits mit digitalen Technologien vertraut sind, deren Wert zu schätzen wissen. Auf dem Kongress stellte Hans Peter Klös eine solche vor. Der Geschäftsführer des Instituts der Deutschen Wirtschaft präsentierte Ergebnisse einer Erhebung unter 1.400 deutschen Betrieben. Das Auffälligste daran: Zwar hat bislang erst ein Drittel der Firmen digital aufgerüstet, aber genau dieses Drittel ist auch hoch optimistisch hinsichtlich des Nutzens, den ihm die Digitalisierung bringt. „Wer sich auf den Weg macht, sieht die Chancen“, lautete denn auch Klös’ Appell.

Dass es für das HR-Management höchste Zeit ist, sich auf den Weg zu machen, war u.a. die Meinung von Frank Kohl-Boas. Der Head of Human Resources von Google beschwor seine Kollegen eindringlich: „Sie müssen das digitale Gen in die Unternehmens-DNA einbauen.“ Denn die Digitalisierung von Geschäfts- und Arbeitsprozessen ist nicht nur ein technisches, sondern vielmehr auch ein soziales Thema. „Sie wird ohne eine soziale Transformation nicht gelingen“, zeigte sich DGFP-Vorstandschef Rübling überzeugt.

Wie diese Transformation aussehen kann, erfuhren die Teilnehmer in einer Talkrunde, die von Stephan Grabmeier moderiert wurde. „Unternehmen brauchen ein neues Betriebssystem“, formulierte der Experte für digitale Unternehmenskulturentwicklung und forderte dazu auf, die bisherige Trennung unseres Managementsystems in Denkende und Handelnde aufzugeben. Firmen müssten vielmehr Möglichkeiten für die Mitarbeiter schaffen, sich jenseits von Top-Down-Strukturen zu vernetzen und kollektiv-partizipativ jenseits hierarchischer Vorgaben zusammenzuarbeiten.

Dass es bereits Unternehmen gibt, die diesen Weg beschreiten, zeigte der Kongress ebenfalls. Christina Schlichting von VW berichtete etwa vom Münchener Data Lab des Konzerns, einem Inkubator, in dem VW-Mitarbeiter, aber auch Vertreter von Forschungseinrichtungen und anderen Betrieben interdisziplinär mittels eines Social Collaboration Tools zusammenarbeiten. Rüdiger Schönbohm von Bosch präsentierte ein Enterprise 2.0-Projekt, bei dem sich die Mitarbeiter im Konzern vernetzen und in tausenden Communities jenseits ihrer Abteilungssilos an Projekten zusammenarbeiten können.

Für HR gibt es also reichlich Arbeit. Etwa die Qualifikation der Mitarbeiter in der emanzipierten Nutzung von digitalen Medien und Big Data. Die Unterstützung des Managements bei der Herausbildung einer neuen Führungskultur. Die Veränderung von Bewertungs- und Feedbackstrukturen bei flexibel arbeitenden Mitarbeitern. Sabine Josch, Personaldirektorin beim Versandhändler Otto, beschrieb Führung in der digitalen Welt etwa als „lustvollen Kontrollverlust“.

Klar wurde beim Kongress aber auch: Die neuen Formen von Führung und Zusammenarbeit werden die alten, bisher praktizierten nicht ersetzen, nur ergänzen. „Unternehmen müssen Wege finden, zwischen beiden Welten hin und her zu wechseln“, resümierte Stephan Grabmeier: der hierarchischen Welt der Exekution und der kreativen Welt der Kollaboration. Zwischen der analogen Welt der persönlichen Kontakte und der digitalen Welt der Mensch-Maschine-Beziehungen.

Reibungslos wird der Wandel nicht vonstatten gehen. Dass HR-Manager den Wandel gestalten können, ohne anzuecken, glaubte Sirka Laudon ohnehin nicht. Die Leiterin Personalentwicklung bei Axel Springer, einem Medienkonzern, der die Digitalisierung einschließlich Kulturwandel im eigenen Haus bereits weit vorangetrieben hat, räumte auf mit vielen Mythen, die in der Personalerwelt herumgeistern. Allen voran mit dem Mythos, dass Wandel ganz viel Zeit braucht. Das saß. Denn, um noch einmal DGFP-Chef Rübling zu zitieren: Wir haben nur wenig Zeit.

07.03.2015
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