Für alle Fragen rund um unsere Webseite, unsere Medien und Abonnements finden Sie hier den passenden Ansprechpartner:
Übersicht Ansprechpartner
Beitrag von Michael Krieger und Eva Lersch aus Training aktuell 07/26, Juli 2026
Schweigen hat im professionellen Kontext einen widersprüchlichen Status. Einerseits gilt es als wichtiges Element guter Gesprächsführung: Pausen, Innehalten, bewusstes Nicht-Intervenieren. Das sind Momente, in denen sich Gedanken entwickeln, in denen Ideen zum Vorschein kommen. Auch kommunikationswissenschaftlich gilt Schweigen längst nicht mehr als bloße Abwesenheit von Sprache. Vielmehr wird es als eigenständige Form von Kommunikation verstanden – als Handlung mit sozialer Bedeutung, die Erwartungen irritiert, Nähe oder Distanz markiert und Machtverhältnisse sichtbar machen kann.
Andererseits entsteht gerade in Gruppen schnell der Impuls, Stille aufzulösen. Schweigen wird dann als peinlich, unerquicklich oder sogar unprofessionell erlebt – man weiß vielleicht einfach nicht weiter. Es wirkt wie ein Zeichen von Stocken, von fehlender Führung oder mangelnder Beteiligung. Besonders in Workshops und Coachings, die auf Aktivierung, Austausch und Beteiligung setzen, scheint Schweigen dem impliziten Leistungsversprechen „Hier passiert etwas“ zu widersprechen.
Und doch zeigt uns die Praxis immer wieder: In der Stille geschieht etwas, das Worte oft nicht erreichen. Sie wirkt nicht trotz, sondern wegen ihrer Irritation. Sie entzieht sich schnellen Deutungen und zwingt dazu, genauer hinzusehen. Sobald Sprache wegfällt, können sich Teilnehmende nicht mehr über Argumente positionieren, Zustimmung oder Ablehnung signalisieren oder Verantwortung verbal delegieren. Auch Selbstbilder geraten unter Druck: Kompetenz lässt sich nicht mehr durch kluge Formulierungen demonstrieren, Einfluss nicht mehr durch Redeanteil sichern.