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Beitrag von Daniela Sauermann aus Training aktuell 09/26, September 2026
Bei der Arbeit an Haltung, Beziehung und Zusammenarbeit unterstützen will das im managerSeminare Verlag erschienene Kartenset „Wertschätzung“ von Supervisorin sowie Coach Evelin Fränzel und Fotograf Dieter Johannsen. Über visuelle Reize und gezielte Fragestellungen sollen emotionale und intuitive Zugänge eröffnet sowie kommunikative und reflexive Prozesse angestoßen werden. Das Set richtet sich an Coachs, Trainerinnen sowie Fachkräfte in Beratung, Therapie und Supervision ebenso wie an Dozierende in der Aus- und Weiterbildung. Einsetzbar ist es sowohl im Einzelsetting als auch in Gruppenprozessen sowie in unterschiedlichen Seminarphasen.
Das Kartenset wird in einer flachen, silberfarbenen Metallbox geliefert, die einen hochwertigen Eindruck macht. Enthalten sind 50 stabil verarbeitete Bildkarten im DIN-A5-Format mit abgerundeten Ecken sowie ein 31-seitiges Begleit-Booklet mit Hintergrundinformationen und methodischen Anregungen, u.a. für Warm-ups, Erwartungsklärungen oder Empathiearbeit. Die Karten zeigen Fotomotive von Personen, Gegenständen, Landschaften, Tieren und Alltagsszenen – ohne erkennbare thematische Kategorisierung. Das Covermotiv – eine Windmühle mit zwei Möwen, die Weite, Ruhe und eine beinahe norddeutsch anmutende Ferienatmosphäre vermittelt – erscheint auf der Rückseite einer jeden Karte im Set ebenso wie auf dem Booklet.
Der erste Blick ins Booklet löst bei mir zunächst Irritation aus statt Orientierung: Anstelle einer Einführung in das Thema Wertschätzung wird mir im Vorwort Eugène Atget vorgestellt – ein Fotograf, dessen Name mir nichts sagt. Ich suche nach dem Bezug zum organisationalen Kontext und werde erst im Schlusssatz fündig: die Verbindung zwischen dem Bewahren des Flüchtigen und dem bewussten Wertschätzen dessen, was sonst leicht übersehen wird. Ein interessanter, wenn auch unerwarteter Einstieg in das Kartenset. Positiv fällt mir die klare Struktur der bereitgestellten Übungsformate für Seminar- und Gruppenprozesse auf, die sich an den Seminarphasen nach Wendorff (2021) orientiert: Warm-up, Transparenz, Hinführung, Information und Verarbeitung sowie Cool-down. Neben einer Anmoderation enthalten die Übungen jeweils Angaben zu Ziel, Setting, Vorgehen, Zeitrahmen und Material. Insgesamt folgen sie allesamt einem einheitlichen Aufbau. Stellenweise fallen die Beschreibungen jedoch sehr ausführlich aus, wodurch einzelne Passagen etwas überladen wirken.
Ich teste das Kartenset mit vier Bereichsleitungen eines gemeinnützigen Trägers, der u.a. Kinder und Jugendliche mit unterschiedlichen Angeboten begleitet. Ein zentrales Thema ist Wertschätzung. Da ich die Leitungsebene bereits seit etwa eineinhalb Jahren supervisorisch begleite, scheiden Übungen zum Kennenlernen oder zur Klärung von Regeln im Miteinander aus. Ich entscheide mich, die Übung „Wertschätzung gegenüber Mitarbeitenden“ vorzubereiten, die sich an Führungskräfte richtet. Insgesamt folgt sie acht Schritten:
Den ersten Schritt befolgend beginne ich, die Bildkarten mit dem Fotomotiv nach oben auf den Boden zu legen. Hierbei stoße ich auf eine erste Schwierigkeit: Die empfohlene kreisförmige Anordnung benötigt deutlich mehr Platz als mir in dem Moment oder generell in Beratungsräumen zur Verfügung steht. Ich weiche auf eine offenere Auslageform aus. Danach geht es mit dem zweiten Schritt weiter: Ich bitte die Führungskräfte, eine Bildkarte zu wählen, die sie mit einem persönlichen Erlebnis der Wertschätzung in Bezug auf ihre Mitarbeitenden verbinden. Während ich die Vielfalt der Bilder als anregend wahrnehme, fällt es den Bereichsleitungen überraschend schwer, passende Karten zum Thema Wertschätzung zu finden. Viele entscheiden sich für eine Karte mit dem Schriftzug „Danke“. Im Weiteren wird deutlich, dass Landschafts- und Tiermotive, Stillleben oder Einzelporträts zwar als ästhetisch ansprechend erlebt werden, eine Verbindung zum Thema Wertschätzung allerdings nur schwer herstellbar sei. Dies zeigt meiner Meinung nach jedoch auch eine Stärke des Kartenmaterials: Die Irritation bzw. Orientierungsschwierigkeit führt letztlich zu einem intensiven Austausch darüber, welche Bilder sie überhaupt mit Wertschätzung verknüpfen. Der dritte Schritt fordert dazu auf, das persönliche Erlebnis zu reflektieren, das sie mit der von ihnen gewählten Karte verknüpfen. Die notwendigen Anregungen hatte ich, wie in der Übung empfohlen, zuvor auf ein Flipchart übertragen.
Insgesamt arbeiten die beteiligten Führungskräfte 20 Minuten lang konzentriert. Der vorgesehene Zeitrahmen wird eingehalten. Im Anschluss tauschen sie sich, dem vierten Schritt entsprechend, paarweise über die Erlebnisse aus. Als Orientierung dient die Überschrift „Ich habe diese Bildkarte gewählt, weil mir dazu ein Erlebnis eingefallen ist, das ich als wertschätzend wahrgenommen und bewertet habe“. Von der Empfehlung, zuvor Gesprächsregeln festzulegen (z.B. einander ausreden lassen, aktiv zuhören), sehe ich ab, da die Bereichsleitungen sich gut kennen und bereits einen wertschätzenden Umgang miteinander pflegen. In den vorgesehenen 15 Minuten findet ein reger Austausch statt. Die nächste Aufgabe – und somit der fünfte Schritt – besteht darin, in Zweierteams mindestens fünf kleine Gesten der Wertschätzung zu definieren, die keinen finanziellen Aufwand erfordern. Anfangs ist ein leichtes Murren wahrnehmbar, da die vier Beteiligten ein Sammeln der Gesten im Plenum vorziehen. Aufgrund der Gruppengröße komme ich diesem Wunsch nach. Wir verständigen uns darauf, dass alle mindestens zwei Ideen auf einer Moderationskarte festhalten und diese anschließend vorstellen. Es zeigt sich, dass deutlich mehr Ideen zusammengetragen wurden. Hierzu gehören u.a. „Danke sagen“, „Eigene Fehler eingestehen“ und „Erfolge gemeinsam feiern“. Die vorgesehenen 15 Minuten werden eingehalten. In der nun folgenden Phase (Schritte 6 und 7) sollen die zuvor erarbeiteten Gesten geclustert und mit passenden Überschriften versehen werden, was spürbar auf Unmut stößt. Das Strukturieren erleben die Beteiligten als anspruchsvoll. In größeren Gruppen oder im Seminarformat erscheint mir dieses Vorgehen jedoch sinnvoll. Es kann dazu beitragen, inhaltliche Überschneidungen sichtbar zu machen. Außerdem wird so eine systematische Verdichtung der Ergebnisse möglich.
Im letzten, achten Schritt der Übung werden die Führungskräfte dazu aufgefordert, ihre Erkenntnisse zu benennen und zu reflektieren: Inwiefern könnten diese ihre berufliche Praxis beeinflussen? Die positive Wirkung der vielen kleinen zusammengetragenen Gesten der Wertschätzung wird hervorgehoben. Ebenso merken sie an, dass die bewusste Wahrnehmung sowie die kontinuierliche Umsetzung solcher Gesten dazu beitragen kann, Wertschätzung im Arbeitsalltag nachhaltig zu stärken. Im Rahmen der Metareflexion berichten die Beteiligten zudem, dass sie die starke Strukturierung zunächst als einengend empfunden haben. Sie hätten es bevorzugt, mithilfe der Karten freier über das Thema Wertschätzung zu sprechen. Gleichzeitig räumten sie ein, dass die strukturierte Vorgehensweise zu einer vertieften Auseinandersetzung mit dem Thema geführt hat. Ergänzend stelle ich ihnen einige weitere der im Booklet stehenden Beispiele für kleine Gesten der Wertschätzung vor. Hierzu gehören u.a. Formen körperlicher Zuwendung und Präsenz sowie Aufmerksamkeit und Achtsamkeit. Insgesamt bewerten die Führungskräfte die selbst entwickelten Beispiele als praxisnäher sowie passender für ihren Arbeitskontext.
Die Stärke des Kartensets liegt insbesondere darin, über die Bilder Reflexions- und Gesprächsprozesse anzustoßen. Bedingt wird die Wirkung sowohl von den Karten als auch von der methodischen Rahmung. Möglich ist es aber auch, die Karten unabhängig von den vorgeschlagenen Übungen im Booklet zu verwenden. Gerade erfahrene Weiterbildende werden viele Möglichkeiten finden, die Bildkarten in ihren Arbeitsalltag zu integrieren. Wer bereit ist, sich auf die Struktur des Materials einzulassen oder diese kreativ weiterzuentwickeln, erhält ein vielseitig einsetzbares Werkzeug für Coaching, Training und Supervision.
Das Kartenset „Wertschätzung“ stellt ein wirkungsvolles Instrument für die professionelle Arbeit mit Gruppen und Einzelpersonen dar.
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