Interaktion

Higher Order Thinking Skills
Higher Order Thinking Skills

Was die Maschine nicht denkt

Ein Teilnehmer tippt seine Frage in der Kaffeepause ins Handy ein und erhält innerhalb von zwanzig Sekunden eine Antwort von der KI, für die er eigentlich zwei Seminartage gebucht hat. Was bleibt dann noch zu lehren? Sandra Mareike Lang und Franz Hütter über die eine Fähigkeit, die Maschinen nicht ersetzen können, warum die halbe Branche sie missversteht und wie man sie trainiert – auch gegen ein paar lieb gewonnene Gewissheiten.

Monika gibt seit fünfzehn Jahren ein gut gebuchtes Seminar zur Gesprächsführung, zu schwierigen Gesprächen, Kritik, Konflikten. Solide Arbeit, zufriedene Teilnehmende, volle Kurse. Im vergangenen Herbst schildert ein Teilnehmer in der Pause der KI auf seinem Handy seinen konkreten Fall: das Kritikgespräch mit einem Mitarbeiter, der ständig zu spät kommt. Zwanzig Sekunden später hat er einen sauber gegliederten Gesprächsleitfaden auf dem Display, mit Einstieg, Ich-Botschaften und einer Eskalationsstufe nach der anderen. Er hält ihn Monika hin und sagt, halb im Scherz: „Dafür sitze ich hier zwei Tage?“ Monika lacht mit. Auf der Heimfahrt lacht sie nicht mehr.

So wie Monika geht es derzeit vielen in der Weiterbildungsbranche, und auch wir erleben es selbst – nur von der anderen Seite. Vor zwei Jahren haben wir angefangen, für unsere Kinder kleine Lernspiele zu programmieren. Der Clou dabei: Keiner von uns kann professionell coden. Wir sind Trainer, keine Softwareentwickler. Geschrieben hat den Code eine KI, wir haben ihr nur gesagt, was wir wollten. Inzwischen sind aus den Spielereien ernsthafte Anwendungen geworden. Was früher ein ganzes Entwicklerteam gebraucht hätte, entsteht heute an einem Nachmittag.

Das ist die schöne Seite. Die unbequeme kommt sofort hinterher. Wenn Menschen wie wir, die nicht programmieren können, brauchbare Software bauen, dann reicht für eine Karriere als Softwareentwicklerin das Programmieren allein nicht mehr aus. Was eine Entwicklerin künftig unverzichtbar macht, sind die Dinge, die der KI fehlen: zu erkennen, ob die Lösung in eine Sackgasse läuft, vorauszusehen, was sie an anderer Stelle kaputtmacht, mit den Beteiligten zu verhandeln, am Ende zu beurteilen, ob das Ganze überhaupt taugt. Diese Verschiebung trifft jeden Beruf, der zunehmend digitalisiert wird. Auch unseren.

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