Editorial
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Wenn es unbequem wird

Wut ist in den vergangenen Jahren sichtbarer geworden. In politischen Debatten tritt sie offener zutage, in sozialen Medien prägt sie häufig den Ton, und auch im Alltag scheint die Reizschwelle gesunken zu sein. Diskussionen eskalieren schneller, Positionen werden schärfer vertreten, und nicht selten entsteht der Eindruck, dass zwischen Empörung und sachlichem Austausch nur noch wenig Raum liegt. Was lange als Ausnahme oder individuelles Problem galt, kann heute zunehmend als gesellschaftliches Phänomen wahrgenommen werden.

Diese Entwicklung macht freilich auch vor der Arbeitswelt nicht Halt. Zwar sind Organisationen Orte, an denen Sachlichkeit und professionelle Distanz erwartet werden. Gleichzeitig treffen hier zahlreiche unterschiedliche Interessen und Erwartungen aufeinander, und nicht selten entstehen daraus Spannungen. Wut zeigt sich dabei oft nicht offen, etwa in Wutausbrüchen oder lautstarken Auseinandersetzungen, sondern meist eher indirekt: in Gereiztheit, Rückzug oder anhaltenden Konflikten, die Prozesse beeinflussen, ohne immer klar benannt zu werden.

Wut zeigt sich in Organisationen oft nicht offen, sondern meist eher indirekt: in Gereiztheit, Rückzug oder anhaltenden Konflikten, die Prozesse beeinflussen, ohne immer klar benannt zu werden.

Im Coaching wird diese Wut dann häufig zutage gebracht, denn hier werden berufliche Erfahrungen reflektiert und eingeordnet, und damit auch die Emotionen, die mit ihnen verbunden sind. Welch ambivalente Rolle der Emotion Wut in Coachingprozessen zukommt und welches Potenzial in ihr liegen kann, beschreibt Berater Matthias Wallisch in seinem Beitrag. Er macht deutlich, dass Wut im Coaching einerseits blockierend wirken kann – etwa wenn sie unterdrückt oder vorschnell beruhigt wird. Zugleich kann sie jedoch Ausgangspunkt für Entwicklung sein, weil sie auf erlebte Grenzüberschreitungen, unerfüllte Bedürfnisse oder als ungerecht empfundene Situationen verweist.

Irritation für Veränderung

Dass emotionale Aktivierung eine zentrale Voraussetzung für Lernen, Entwicklung und Veränderung ist, verdeutlichen auch die von Trainerin Barbara Messer vorgestellten Methoden im Beitrag. Im Fokus dieser Methoden stehen nämlich gezielt gesetzte Irritationen: Unerwartete Fragen, ungewohnte Settings oder bewusste Regelbrüche, die dazu beitragen sollen, festgefahrene Denkmuster aufzubrechen und Aufmerksamkeit neu auszurichten.

Solche Interventionen erzeugen Reaktionen, die Lernprozesse vertiefen und nachhaltiger machen können. Gleichzeitig bewegen sich Trainerinnen und Trainer damit in einem Spannungsfeld: Zwischen wirksamer Irritation und Überforderung verläuft eine schmale Grenze. Entscheidend ist, wie passgenau solche Interventionen eingesetzt werden und ob es gelingt, die ausgelösten Reaktionen aufzugreifen und weiterzuverarbeiten.

Ich wünsche viel Erkenntnisgewinn bei der Lektüre der neuen Ausgabe.

Autor(en): Nathalie Langen
Quelle: Training aktuell 05/26, Mai 2026
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