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Beitrag von Horst Lempart aus Training aktuell 10/26, Oktober 2026
„Wenn es sich richtig für dich anfühlt, solltest du auch danach handeln.“ Diesen plakativen Spruch hatte eine Coachingkollegin auf LinkedIn gepostet und binnen kurzer Zeit großen Zuspruch erfahren. Ich kommentierte: „Es kommt darauf an.“ Darauf antwortete eine andere Kollegin und wollte wissen, was ich damit meine.
Ob etwas richtig ist oder sich richtig anfühlt, sind meiner Meinung nach zwei völlig unterschiedliche Paar Schuhe. „Richtig“ ist kein juristischer Begriff, eher ein individueller, innerer Maßstab. Vielleicht kann „richtig“ auch moralisch vertretbar bedeuten – und selbst eine allgemeine Moral gibt es nicht. Eine gelöste Rechenaufgabe kann richtig oder falsch sein. Eine Antwort kann richtig oder falsch sein – und selbst das ist manchmal gar nicht so klar –, aber ein „richtiges Gefühl“ als Basis für das eigene Handeln zu nehmen, ist eindeutig uneindeutig.
Ob etwas richtig ist oder sich richtig anfühlt, sind zwei völlig unterschiedliche Paar Schuhe.
Es liegt zum Beispiel nahe, dass Terroristen, die im Namen des Glaubens unterwegs sind, ihre Taten als „richtig“ einstufen. Auch Klimaaktivisten definieren ihre Straßenblockaden als „richtig“. Wenn wir der Aussage der Kollegin also bedingungslos zustimmen würden, hieße es, auch Selbstjustiz wäre durch das „richtige Gefühl“ legitimierbar. Handeln nach dem eigenen „Richtig-Gefühl“ endet für mich jedoch dort, wo ich gegen Recht verstoße. Wie weit ich wiederum bereit bin, gegen soziale Konventionen zu verstoßen, muss jeder für sich selbst entscheiden.
Doch gerade weil eben nicht jeder nach seinem „richtigen Gefühl“ handeln kann und sollte, gibt es Gesetze. Gesetze schaffen einen Ordnungsrahmen, der die Willkür von „richtig“ und „falsch“, „gut“ oder „schlecht“ ersetzt. Ich kann ein Gesetz „falsch“ finden, aber es gilt trotzdem für mich und ich habe danach zu handeln.
Überhaupt: Ich selbst bin eher skeptisch, was die Entscheidung und das Handeln aus dem Gefühl heraus angeht. Viel zu oft spielen die Gefühle einem einen Streich. Angst und Liebe machen blind, sagt schon der Volksmund. Nur wenn ich unter Zeitdruck stehe und keine Zeit zum Reflektieren habe, greife ich auf mein Gefühl zurück – andere nennen das auch Intuition. Manchmal komme ich damit gut weg, manchmal liege ich auch total daneben. Wenn ich hingegen ausreichend Zeit habe, dann denke ich über mein Handeln (und dessen Konsequenzen) nach und lasse das Gefühl erst einmal außen vor.
Wenn meine Klienten in Coachingsitzungen also mit solchen LinkedIn-Post-Generalisierungen um die Ecke kommen, habe ich daher immer den Einwand parat: Es kommt darauf an!
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