Für alle Fragen rund um unsere Webseite, unsere Medien und Abonnements finden Sie hier den passenden Ansprechpartner:
Übersicht Ansprechpartner
Beitrag von Henning Beck aus managerSeminare 344, November 2026
Als regelmäßiger Kinogänger lasse ich mir natürlich keinen modernen Kassenschlager entgehen. In diesem Sommer konnte ich endlich die Neuverfilmung der Odyssee genießen. Selbstverständlich sitze ich nicht nur zu meinem Vergnügen im Kino, sondern spüre auch immer psychologischen Phänomenen nach. Und von diesen hat die Odyssee einige zu bieten. In einer berühmten Szene lässt sich Odysseus am Mast seines Schiffes festbinden, während sich seine Männer ihre Ohren mit Wachs verstopfen, um nicht dem verführerischen Gesang der Sirenen zu erliegen. So gefesselt konnte Odysseus, die Sirenen wohl hörend, seinen Männern die Kursänderung in ihr Verderben aber nicht befehlen. Sie fuhren sicher an der Sirenen-Insel vorbei.
Auch in den Kognitionswissenschaften kennt man solche sogenannten „Odysseus-Verträge“: Um in kritischen Momenten nicht impulsiv zu handeln, präpariert man sich mit einer vorab festgelegten Regel. Als würde man sich mental an einen Plan festbinden, der im Ernstfall Orientierung gibt. Das ist vor allem dann wichtig, wenn wir ermattet vom Stress des Tages zu Spontanentscheidungen neigen: Beim abendlichen Einkauf greift man spontan zu, in einem hitzigen Meeting lässt man sich zu einer Übersprungshandlung verleiten. Tatsächlich nennt sich diese kognitive Schwäche „Entscheidungsmüdigkeit“: So neigen Bankangestellte zu immer riskanteren Kreditvergaben, je später der Tag ist. Kein Wunder, denn unsere Entscheidungsfähigkeiten sind begrenzt. Je mehr Entscheidungen wir treffen müssen, desto größer wird die geistige Ermüdung, bis wir irgendwann dem Gesang der Sirenen, pardon: der falschen Entscheidung, erliegen.
Machen Sie es wie Odysseus: Bereiten Sie sich vor! Einer der besten mentalen Odysseus-Verträge greift auf die HALT-Regel zurück: Sie treffen keine Entscheidung, wenn Sie hungrig („hungry“), wütend („angry“), alleine („lonely“) oder müde („tired“) sind. Anders gesagt: Verschieben Sie Entscheidungen auf den Moment nach einer Mahlzeit. Halten Sie inne, wenn Sie sich über etwas aufregen: Schon ein kurzes Durchschnaufen oder ein Raumwechsel verschafft Ihnen die Zeit, um nicht in der Hitze des Gefechts zu einer Übersprungshandlung zu neigen. Fragen Sie jemanden um Rat – am besten eine Person, die sich nicht mit der Sache auskennt. Denn nur so können Sie auch mal eine andere Perspektive einnehmen, die Ihnen durch zu viel Betriebsblindheit mitunter verwehrt ist. Und schlafen Sie immer über eine wichtige Entscheidung. Von Abraham Lincoln ist überliefert, dass er während des Bürgerkriegs oft mit seinen Generälen über Kreuz lag, was er in gepfefferten Briefen auch formulierte. Er schickte die Briefe jedoch nie sofort ab, sondern ließ sie in einer Schublade über Nacht ruhen. Einige Briefe wurden nie versandt und erst nach seinem Tod entdeckt: ein schriftliches Vermächtnis einer cleveren Verzögerungstaktik. Denn nur was am nächsten Morgen noch dringlich erscheint, ist es wirklich wert, verschickt zu werden.