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Beitrag von Henning Beck aus managerSeminare 341, August 2026
Ich habe Biochemie studiert. Das ist kein Studium, in das man plötzlich reinstolpert und sich nach vier Semestern wundert, warum man plötzlich lernt, wie Aminosäuren abgebaut werden. Von Anfang an musste ich mich für die interessantesten Schwerpunkte im Studium entscheiden. Dabei war das für mich noch einfach im Vergleich zu meinen Freunden, die Geschichte studierten: Aus einem dicken Buch wählten sie sich ihre Studieninhalte individuell aus, denn einen vorgefertigten Stundenplan gab es nicht.
Das passiert heute immer seltener. Stattdessen möchte man schnell und einfach sein Wissen aufbauen. Praktisch jeder Studiengang hat vorgefertigte Stundenpläne. In Corporate-Learning-Programmen habe ich Zeitpläne gesehen, die tagesgenau den Lernfortschritt erfassen sollen – in der Hoffnung, dass man das Wissen direkt und zeitsparend vermittelt. Das Ergebnis: Man denkt weniger selbst nach. Stattdessen trainiert man Menschen zu Wissenskonsumenten, als wären wir lebende Festplatten, auf denen man möglichst zeitsparend Informationen abspeichern kann. Effizienz dominiert: Wie bekomme ich die beste Note für möglichst wenig Aufwand? Wir trainieren Testknacker, dabei brauchen wir Menschen, die in der Lage sind, zehn Jahre nach ihrem letzten Test Aufgaben zu lösen, die man heute noch gar nicht kennt.
Einige meiner Freunde aus der Schul- und Studienzeit waren in Prüfungen nicht besonders gut. Doch sie wurden später zu erstklassigen Wissenschaftlern. Denn es ist etwas anderes, ob man genau weiß, wie man sein Wissen in einer Prüfungssituation wiedergeben muss – oder wie man selbstständig arbeitet, um sein Wissen zu erweitern. Denn Letzteres wird in einer Welt, in der der Zugriff auf Informationen immer leichter wird, umso wichtiger.
Der Wissenschaftler, der als stilprägend für diese Art des Lernens gilt, ist Richard Feynman, Nobelpreisträger, Wegbereiter der modernen Physik und Modernisierer der Hochschullehre nach der „Feynman-Methode“. Statt seiner Studentenschaft vorgefertigte Skripte zu liefern, die man für die Prüfung lernen sollte, forderte er zum Mitdenken und Erklären auf. Denn wer Dinge erklären soll, versteht besser, was er noch nicht weiß – und kann dort gezielt ansetzen, um besser zu werden. Sie können dieses Feynman-Prinzip konkret für sich einsetzen: Schritt 1: Wählen Sie ein Themengebiet, zu dem Sie mehr wissen wollen. Schreiben Sie eine Frage auf, die Sie dazu interessiert. Schritt 2: Versuchen Sie, die Fragestellung oder den Sachverhalt möglichst einfach zu erklären. Zielgruppe könnte ein kleines Kind oder Ihre Großmutter sein. Schritt 3: Sie werden feststellen, dass Sie nicht alles erklären können. Genau das wollten Sie erreichen, denn nun suchen Sie gezielt nach Informationen, um exakt diese Wissenslücke zu schließen. Schritt 4: Gehen Sie schrittweise weiter vor, bis Sie den Sachverhalt in einfachen Worten lückenlos erklären können.
Der Clou ist, dass man selbst ins aktive Erklären kommt, statt passiv Dinge abzuspeichern. Die Feynman-Methode gilt als eine der effektivsten (wenngleich nicht effizientesten) Techniken, um Wissen nicht nur aufzunehmen, sondern gleichzeitig das Signal zu senden: Es lohnt sich, selbst nachzudenken. Nie war es wichtiger als heute.
Der Autor: Henning Beck ist Neurowissenschaftler, und zwar einer der verständlichen. In Vorträgen und Seminaren vermittelt er die spannenden Themen des Gehirns. Sein aktuelles Buch heißt „Besser denken –Fokussieren, Verstehen, Entscheiden“. Kontakt: henning-beck.com
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