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Beitrag von Oliver Hoffmann aus managerSeminare 334, Januar 2026
Der Zwang zum Positiven: Warum wir heute stets glücklich, resilient und lösungsorientiert sein sollen
Gut gelaunt ins Desaster: Die Folgen des Positivitätszwangs
Leisten, lügen, leiden: Wie unsere auf sozialen Vergleich gepolte Kultur den Positivitätszwang befeuert
Affektbilanz statt -kontrolle: Warum wir negative Gefühle zulassen müssen, um mental gesund zu bleiben
Die Rationalität des Negativen: Warum Denken mit Schatten effizienter ist und uns zukunftsfit macht
Hier geht es zur gesamten Ausgabe managerSeminare 334
Wir leben in einer Kultur, die dem Positiven geradezu kultisch huldigt. Auf Konferenzen beschwören Folien das „Growth Mindset“. In Meetings lautet die Devise „Fokus auf Lösungen!“. Und auf LinkedIn predigen Coachs Formeln für permanente Resilienz. Die Botschaft ist immer gleich: Es wird dir gut gehen, du wirst erfolgreich sein, wenn du positiv denkst. Negative Gedanken und Gefühle haben da keinen Platz. Angst? Nur ein Versagen der Gedankenhygiene. Zweifel? Ein Mangel an Disziplin und Fokus. Hoffnungslosigkeit? Etwas für Versager. Das Negative im Leben wird nicht nur verdrängt, es wird auch moralisch entwertet. Wer nicht lächelt, gilt als defizitär.
Das Negative im Leben wird nicht nur verdrängt, es wird auch moralisch entwertet. Wer nicht lächelt, gilt nicht nur als unglücklich, sondern als geradezu defizitär.
Es ist kein Zufall, dass in Leistungsgesellschaften wie der unseren das Bild von Superhelden und Superheldinnen so populär ist – von Figuren, die keine Pause kennen und nach jeder Verletzung in den Kampf zurückkehren. Unverzagt und niemals zweifelnd, schon gar nicht an sich selbst. Der Mythos: Wer stark ist, lässt sich nicht entmutigen oder von negativen Gedanken und Gefühlen hinabziehen. Dementsprechend wird uneingeschränkter Leistungseifer – gepaart mit unverwüstlichem Optimismus – auch im wahren Leben honoriert, zumindest kurzfristig. Wer Überstunden macht, wird als engagiert gelobt. Wer immer erreichbar ist, gilt als zuverlässig. Leistung gilt als ein Konto, das unbegrenzt ausschüttet, solange man diszipliniert genug einzahlt. Deswegen sagt ein Mitarbeiter, der sich krank fühlt, nicht: „Ich brauche eine Pause.“ Er sagt: „Alles bestens“ – eine von vielen Lügen, die das glitzernde Bild stabilisieren, das das System verlangt.
Befeuert wird der Druck von einem Phänomen, das es zwar schon immer gab, das aber heute ein ungekanntes Ausmaß angenommen hat: dem sozialen Vergleich. In Zeiten, in denen wir alle ständig eine ultimative Vergleichsmaschine namens Smartphone mit uns umhertragen, ist er so allgegenwärtig wie nie zuvor. Jeder Klick öffnet jetzt eine neue Bühne, auf der andere erfolgreicher, schöner und glücklicher wirken als man selbst. Was zur Folge hat, dass wir uns nicht am Realen, sondern am Inszenierten messen. Dass wir die Differenz zwischen der eigenen ungeschönten Realität und der Hochglanzinszenierung anderer permanent spüren und deswegen an Selbstwert verlieren. Die Folge: Wir inszenieren ebenfalls – und versuchen dabei, Negatives wegzudrücken.