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Beitrag von Gerlinde Baretton und Michael Monka aus managerSeminare 340, Juli 2026
Falsche Vorstellungen: Warum Krisencoaching vielerorts (immer noch) nicht genutzt wird
Schlüssel zu verschlossenen Räumen: Wie systemische Fragen das Denken aufbrechen
Was wäre wenn … ? Wie durch die Wunderfrage eine positive Zielvorstellung entsteht
Proaktiver Perspektivenwechsel: Wie sich durch Reframing neue Handlungsoptionen entwickeln lassen
Skizzieren und skalieren: Wie Visualisierungstools Komplexität begreifbar machen
Methodisches Gespür: Was einen guten Krisencoach auszeichnet
Hier geht es zur gesamten Ausgabe managerSeminare 340
Krisen haben viele Gesichter. Manchmal kommen sie mit einem lauten Knall – eine Kündigung aus heiterem Himmel, die einen vollkommen aus der Bahn wirft, eine drohende Insolvenz des eigenen Arbeitgebers, die einen nachts nicht mehr schlafen lässt, der Verlust des wichtigsten Kunden, der die eigene Selbstständigkeit an den Rand des Scheiterns bringt. Manchmal schleichen sie sich aber auch leise an, wie ein ungelöster Konflikt, der im Team schwelt, eine schleichende Entfremdung von den Menschen, mit denen man täglich zusammenarbeitet, oder das zunehmende Gefühl, sich im berüchtigten Hamsterrad abzustrampeln, ohne vorwärtszukommen oder etwas zu bewirken. Doch egal, wie sie sich ankündigt, eine Krise stellt alles auf den Kopf: Bewährte Routinen fallen uns plötzlich schwer, die eigene Leistungsfähigkeit sackt ab, das Denken ist oft wie gefangen, die Gedanken kreisen, Stress, Angst und Unsicherheit brechen sich Bahn. Wir fühlen uns wie gelähmt oder verfallen bisweilen auch in ziellosen Aktionismus – und immer ist der Wunsch nach Sicherheit und Orientierung groß. In solchen Situationen kann Krisencoaching wertvolle Hilfe leisten. Doch trotz des großen Hebels, den Krisencoaching bietet, wird es vielerorts von Unternehmen und Einzelpersonen (immer noch) nicht genutzt. Das liegt zum Teil sicher auch an den Kosten, denn als individuelle Einzelberatung, die nicht auf schnelle, sondern auf nachhaltige Lösungen ausgerichtet ist und mithin ihre Zeit braucht, hat professionelles Coaching nun einmal seinen Preis. Vor allem liegt es unserer Erfahrung nach aber an falschen Vorstellungen über Krisencoaching, auf die wir immer wieder stoßen – selbst in Organisationen, in denen Coaching bereits angeboten wird. Eine der verbreitetsten: Krisencoaching ist empathisches Zuhören, garniert mit ein paar gut gemeinten Ratschlägen. In einer schwierigen Situation vielleicht ein Nice-to-have, aber sicher kein Must-have.
Krisencoaching ist mehr als empathisches Zuhören mit ein paar gut gemeinten Ratschlägen ist. Krisencoachs arbeiten mit einem differenzierten Methodenspektrum, das Erkenntnisse aus der Psychologie, Systemtheorie, Neurowissenschaft und Organisationsentwicklung integriert.
Tatsächlich ist Krisencoaching jedoch weit mehr als das. Krisencoachs arbeiten nämlich mit einem differenzierten Methodenspektrum, das Erkenntnisse aus der Psychologie, Systemtheorie, Neurowissenschaft und Organisationsentwicklung integriert. Diese Werkzeuge sind keine starren Schablonen, sondern flexible Instrumente, die individuell auf die jeweilige Krisensituation und die betroffene Person oder Organisation angepasst werden. Was sie vor allem aber besonders macht, ist ihre Fähigkeit, in emotional aufgeladenen Situationen Struktur zu schaffen, ohne die menschliche Dimension zu vernachlässigen. Sie helfen dabei, Überforderung in handhabbare Schritte zu übersetzen, diffuse Ängste greifbar zu machen und scheinbar ausweglose Situationen in Räume mit Optionen zu verwandeln. Am besten entfalten sie ihre Wirkung in den Händen eines professionellen Coachs. Je nach Schwere der Krise und Krisenkontext lassen sie sich teils jedoch auch in Eigenregie nutzen, um sich selbst am Schopf aus dem Sumpf zu ziehen.
Eine der kraftvollsten Methoden im Krisencoaching ist die Kunst des systemischen Fragens. Diese Fragetechnik geht weit über oberflächliche Informationssammlung hinaus. Sie zielt darauf ab, festgefahrene Denkmuster aufzubrechen und neue Perspektiven zu eröffnen, die in der Krise oft verschüttet sind. Dabei funktionieren systemische Fragen wie Schlüssel zu verschlossenen Türen im Denken. Statt zu fragen „Warum ist das passiert?“, was oft zu Schuldzuweisungen und Grübeleien führt, lenken systemische Fragen den Blick nach vorne und auf Ressourcen. Eine typische systemische Frage lautet etwa: „Angenommen, du wachst morgen auf und ein kleiner Teil des Problems hätte sich verbessert – woran würdest du das zuerst merken?“ Diese Art der Fragestellung aktiviert das Lösungsdenken und holt Menschen aus der Problemtrance heraus. Die besondere Wirksamkeit systemischer Fragen liegt in ihrer Fähigkeit, das Denken zu verflüssigen. In Krisen neigen Menschen dazu, in Absolutheiten zu denken – alles erscheint hoffnungslos, nichts funktioniert mehr. Systemische Fragen durchbrechen diese Schwarz-Weiß-Muster. Fragen wie „Wann war das Problem weniger stark ausgeprägt?“ oder „Wer in deinem Umfeld würde als Erstes bemerken, dass du die Krise bewältigst?“ öffnen den Blick für Ausnahmen und Ressourcen, die in der Krise übersehen werden. Ein weiterer wichtiger Aspekt systemischer Fragen ist ihre zirkuläre Natur. Sie betrachten Probleme nicht isoliert, sondern im Kontext von Beziehungen und Wechselwirkungen. „Wie würde dein Team reagieren, wenn du morgen mit einer völlig neuen Herangehensweise kämest?“ Diese Frage lädt dazu ein, über den eigenen Tellerrand zu schauen und die Dynamiken im System zu erkennen. In organisationalen Krisen ist eine solche Perspektive besonders wertvoll, da sie hilft, Dominoeffekte zu antizipieren und systemische Lösungen zu entwickeln. Die Kunst des systemischen Fragens liegt auch im richtigen Timing und in der Dosierung. In akuten Krisenphasen können zu komplexe systemische Fragen überfordern. Im Krisencoaching werden daher zunächst stabilisierende Fragen eingesetzt: „Was hilft dir im Moment, den Tag zu überstehen?“ Mit zunehmender Stabilisierung kommen dann komplexere Fragen, die tiefere Reflexionsprozesse anstoßen. Zudem weiß ein erfahrener Krisencoach, wann eine konfrontative Frage angebracht ist und wann es Zeit für sanftere, ressourcenorientierte Fragen ist.