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Beitrag von Martin Wehrle aus managerSeminare 342, September 2026
Martin war am Limit. Als Chef von 25 Leuten sah er sich umgeben von Baustellen. Sein Sorgenkind war Julia, eigentlich eine brillante Projektleiterin. Doch in letzter Zeit lief es nicht mehr rund. „Ich muss ständig hinter ihr herlaufen!“, schimpfte Martin in unserem Coaching. „Termine platzen, Infos versickern, und sie sieht ihre Fehler nicht ein.“ Beim letzten Gespräch riss ihm der Geduldsfaden. „Auf dich kann man sich momentan einfach nicht verlassen!“, feuerte er ihr im Flur entgegen. Julias Reaktion? Eisiges Schweigen, gefolgt von Rechtfertigungen. Ich erklärte Martin das psychologische Dilemma dahinter: Vorwürfe aktivieren im menschlichen Gehirn sofort das evolutionäre Überlebensprogramm – Angriff, Flucht oder Erstarren. Wer den Satz „Du bist unzuverlässig“ hört, schaltet reflexartig auf Rechtfertigung, nicht auf Reflexion. In diesem Modus ist kein produktives Denken mehr möglich.
Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, nutzen wir im Coaching ein Werkzeug, das im harten Management-Alltag oft unterschätzt wird: die Gewaltfreie Kommunikation (GFK) nach Marshall Rosenberg. Das ist keine Kuschelpädagogik im Stuhlkreis, sondern der beste Weg, einem Konflikt das emotionale Gift in vier Schritten zu entziehen: Beobachtung, Gefühl, Bedürfnis und Bitte.
Wir simulierten den Ernstfall im Rollenspiel. Martin sollte Julias Verhalten nicht bewerten, sondern neutral ansprechen. Im zweiten Versuch gelang es ihm: „Julia, in den vergangenen drei Wochen wurden drei Projekttermine verschoben, und bei zwei Kundenmeetings haben wichtige Kennzahlen gefehlt.“ Das war die Beobachtung, ohne den abwertenden Stempel „unzuverlässig“. Dann folgte der Teil, der vielen Führungskräften am schwersten fällt: die Beschreibung des eigenen Gefühls. „Das macht mich unsicher und ehrlich gesagt auch zunehmend besorgt.“ Warum das wirkt? Gefühle sind keine Angriffe. Man kann sie dem anderen nicht wegdiskutieren, sie schaffen psychologische Sicherheit. Im dritten Schritt legte Martin seine Bedürfnisse offen: „Mir sind Verlässlichkeit und Planungssicherheit extrem wichtig, weil unser gesamtes Team von deinen Meilensteinen abhängt.“ Erst jetzt folgte das logische Finale – die konkrete, zukunftsgerichtete Bitte: „Kannst du mir helfen, zu verstehen, was dich gerade bremst und was du brauchst, damit die Abläufe wieder stabil laufen?“
Die Veränderung im Raum war sofort greifbar. In der Rolle von Julia spürte ich, wie der emotionale Druck wich. Sofort öffnete sich eine Tür für ein lösungsorientiertes Gespräch. Eine Woche später rief Martin mich an und klang erleichtert. Das echte Gespräch mit Julia war überraschend konstruktiv verlaufen. Erst blieb sie zwar in ihrem Widerstand, aber nach ein paar Minuten öffnete sie sich: Ein privater Engpass und unklare Schnittstellen im neuen Team hatten sie blockiert. Dank Martins neuer Ansprache konnten sie das Problem sachlich lösen. Vorwürfe erzeugen Mauern, sachliche Beobachtungen öffnen Türen. Mit den vier Schritten der Gewaltfreien Kommunikation können wir Kritik das emotionale Gift entziehen – und uns so gemeinsam konstruktiv in Richtung Lösung bewegen.
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