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Beitrag von Christian Suppinger aus managerSeminare 344, November 2026
Vor einigen Monaten saß mir eine Geschäftsführerin gegenüber – engagiert, kompetent und bei ihren Mitarbeitenden beliebt. Als Führungskraft suchte sie regelmäßig Gespräche, lobte gute Leistungen und versuchte, ihr Team auch in schwierigen Zeiten positiv auszurichten. Trotzdem machte ihr etwas Sorgen: Die Krankenstände stiegen, die Energie im Team sank, und die Menschen wirkten erschöpfter als früher. Schließlich fragte sie mich: „Was mache ich falsch? Ich motiviere doch ständig!“
Diese Frage begegnet mir in unterschiedlichen Varianten immer wieder. Und je länger ich mich mit Stressregulation und dem Nervensystem beschäftige, desto häufiger komme ich zu einem Gedanken, der zunächst provokant klingt: Die gefährlichste Führungskraft ist oft diejenige, die am meisten motiviert. Nicht, weil Motivation grundsätzlich schlecht wäre oder weil Führungskräfte ihre Mitarbeitenden nicht begeistern sollten, sondern weil Motivation häufig dort eingesetzt wird, wo Menschen etwas völlig anderes brauchen: Sicherheit.
Motivation wird häufig dort eingesetzt, wo Menschen etwas völlig anderes brauchen: Sicherheit.
Viele Führungskonzepte basieren auf der Annahme, dass Leistung vor allem eine Frage der Einstellung sei. Wer motiviert genug ist, wird erfolgreich sein. Positives Denken, Zielorientierung, Disziplin und Durchhaltevermögen gelten als entscheidende Faktoren. Diese Sichtweise hat ihre Berechtigung. Sie erklärt jedoch nur einen Teil dessen, was menschliches Verhalten bestimmt. Menschen bestehen nicht nur aus Gedanken, Zielen und Überzeugungen. Sie besitzen auch ein Nervensystem, das fortlaufend bewertet, ob eine Situation sicher oder potenziell bedrohlich erscheint. Genau hier liegt ein blinder Fleck vieler Führungskonzepte: Sie unterschätzen, wie wichtig das Sicherheitsgefühl ist.