Ali Mahlodji in Speakers Corner
Ali Mahlodji in Speakers Corner

„Wir denken Diversity zu oberflächlich“

Hautfarbe, Alter, Geschlecht: Geht es um Diversity, ist der Blick oft verengt und richtet sich lediglich auf solche Faktoren. Doch echte Vielfalt zeigt sich erst, wenn wir die unsichtbaren Eigenheiten eines Menschen sehen: seine Herkunft, seine Brüche, seine Geschichte, sagt Ali Mahlodji. Der Arbeitsweltexperte ist überzeugt: Nehmen wir Menschen in all dem wahr, was sie als Individuum ausmacht, was sie besonders macht, dann können wir sie stärken – und gemeinsam besser vorankommen.

Wenn ich auf die vergangenen Jahre in der Arbeitswelt zurückblicke, gibt es wohl kein Wort, das so sehr durchgekaut wurde wie das Wort „Diversity“. Am Anfang war es ein wichtiges Versprechen: Alle Menschen einer Organisation sollen an den Tisch. Nicht nur zuhören dürfen, sondern wirklich Teil der Lösung sein. Nicht nur geduldet werden, sondern geschätzt werden für das, was sie mitbringen. Es war ein Aufbruch, eine Bewegung, die längst überfällig war.

Heute ist Diversity ein Buzzword, das in manchen Führungsetagen nur noch Augenrollen erzeugt. Ein Pflichtprogramm, das abgehakt wird. Ein Poster in der Firmenzentrale, das zeigt, wie bunt und vielfältig man ist – während die echten Entscheidungen immer noch in den immer selben Kreisen getroffen werden. Und ganz ehrlich: Ich verstehe das Augenrollen. Aber das Thema ist zu wichtig, um es im Zynismus versinken zu lassen. Denn Diversity ist nicht dazu da, Schlagzeilen zu produzieren oder LinkedIn-Posts zu füllen. Es geht nicht darum, auf Panels Sätze zu wiederholen, die schon jeder gehört hat. Es geht nicht darum, Quoten zu erfüllen oder politisch korrekt zu sein. Es geht darum, ob wir die Wirklichkeit eines Menschen wirklich sehen – mit allem, was dazugehört.

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Ich kenne die andere Seite sehr genau. Ich bin im Flüchtlingsheim groß geworden, zwischen Menschen aus aller Welt, die alle ihre Geschichten, ihre Träume, ihre Ängste mitgebracht hatten. Ich war ein stotternder Schulabbrecher, der sich durch jede Präsentation quälen musste. Und mein Name ist Ali – nicht Hans, Michael oder Thomas. Zwischen 2022 und 2025 haben Forschende der Universität Siegen eine groß angelegte Studie durchgeführt: Über 50.000 fingierte E-Mails von Jugendlichen kurz vor dem Realschulabschluss gingen an Unternehmen mit freien Lehrstellen. Das Ziel: herauszufinden, wie fair unser Ausbildungssystem wirklich ist. Das Ergebnis ist ernüchternd: Wer einen Namen wie Lukas Becker trägt, bekommt auf 100 Anfragen im Schnitt 67 Antworten. Jemand mit dem Namen Habiba Mahmoud nur 36 Antworten. Das bedeutet: Nicht Talent, nicht Motivation, nicht Zukunft zählen zuerst – sondern oft der Name im Posteingang.

Mit anderen Worten: Ich hätte jedes Recht gehabt, in der Opferrolle zu bleiben. Zu sagen: Das System ist gegen mich, ich habe keine Chance. Und ja, es war härter. Ich musste besser Deutsch lernen als alle anderen. Ich musste lernen, wie ich mich durchsetze, obwohl man mich unterschätzte. Ich musste schneller und klarer werden. Und ja, ich musste meinen eigenen Stil finden, damit ich überhaupt gehört werde. Das war kein Geschenk – es war mein Trainingsplatz. Doch Diversity bedeutet nicht: „Seht mal, wie schlimm es mir geht.“ Es bedeutet: „Seht, wer wir wirklich sind.“ Und dazu gehört auch, die anderen zu sehen. Auch die, die heute auf den ersten Blick wie die „Privilegierten“ wirken.

Diversity ist nicht nur die Geschichte der Benachteiligten. Es ist die Geschichte aller, die in ein Rollenbild gepresst wurden. Und es ist die Einladung, diese Boxen neu zu denken.

Viele von uns machen den Fehler und denken: „Der alte weiße Mann im Vorstand, der hat ja nur profitiert.“ Aber was übersehen wir dabei? Dass auch er einmal in Rollenbilder hineingeboren wurde. Vor vierzig Jahren hätte ein Mann in Deutschland, der sagt, „Ich bleibe zu Hause bei den Kindern und schiebe den Kinderwagen, meine Frau macht Karriere“, das Stigma „Weichei“ oder „Nichtsnutz“ abbekommen. Auch das war eine Box. Auch das war ein Muster, das Menschen in Rollen gepresst hat. Diversity ist eben nicht nur die Geschichte der Benachteiligten. Es ist die Geschichte aller, die in ein Rollenbild gepresst wurden – und die Einladung, diese Boxen neu zu denken.

Und, mal ehrlich, wenn wir heute auf Plattformen wie LinkedIn schauen, dann sehen wir eine endlose Galerie der besten Seiten: polierte Profile, perfekte Posts – überall Menschen, die so tun, als hätten sie schon alles verstanden. Als wären sie makellos, erfolgreich, immer auf der richtigen Seite der Geschichte. Aber Menschen verlieben sich nicht in Perfektion. Menschen verlieben sich in Menschen – inklusive ihrer Ecken und Kanten. Wenn du an deine echten Vorbilder denkst, an die Menschen, die dich geprägt haben: Waren das glattgebügelte Kopien? Nein. Es waren Originale. Menschen mit Brüchen, mit Widersprüchen, mit Geschichten.

Vielfalt wird zu oft an der Oberfläche verhandelt. Hautfarbe, Geschlecht, Nationalität – all das ist wichtig, aber nicht alles. Zu Diversity gehören genauso die unsichtbaren Schichten: die soziale Herkunft, die Armutsgeschichten, das Bildungsniveau der Eltern, die Krankheiten, die Traumata, die Umwege.

Und genau das ist die wahre Vielfalt: nicht die perfekte Kopie, sondern das Original. Das Problem ist: Wir haben verlernt, in die Tiefe zu gehen. Diversity wird zu oft an der Oberfläche verhandelt. Hautfarbe, Geschlecht, Nationalität – all das ist wichtig, aber nicht alles. Zu Diversity gehören genauso die unsichtbaren Schichten: die soziale Herkunft, die Armutsgeschichten, das Bildungsniveau der Eltern, die Krankheiten, die Traumata, die Umwege. Es gibt Menschen, die sind die Ersten in ihrer Familie, die überhaupt studiert haben, die Ersten, die aus Hartz IV herausgekommen sind, die Ersten, die es gewagt haben, einen anderen Weg zu gehen. Diese Stimmen fehlen oft völlig in der Diskussion. Weil sie nicht so sichtbar sind. Weil sie nicht so laut sind. Weil sie oft noch damit beschäftigt sind, überhaupt anzukommen.

Diversity ist die tägliche Arbeit, uns gegenseitig wirklich zu sehen. Zu fragen: Was ist deine Geschichte? Was hat dich geprägt? Was bringst du mit, das andere nicht haben? Und: Was brauchst du, um dein Bestes geben zu können?

Darum sage ich auch immer mit ganzer Klarheit: Diversity ist mehr als ein Poster in der Firmenzentrale. Es ist die tägliche Arbeit, uns gegenseitig wirklich zu sehen. Zu fragen: Was ist deine Geschichte? Was hat dich geprägt? Was bringst du mit, das andere nicht haben? Und: Was brauchst du, um dein Bestes geben zu können? Es ist die Arbeit, hinter die Fassaden zu schauen. Die Rollenbilder zu enttarnen. Die Originale zu feiern, statt sie in neue Schablonen zu pressen. Denn die Zukunft dieser Welt hängt nicht daran, wie laut die Schlagworte klingen, sondern ob wir verstehen: Je stärker ein Ich ist, desto mehr kann es ins Wir geben. Und je stärker das Wir ist, desto mehr trägt es das Ich.

In einer Welt, in der wir mit Milliarden Perspektiven leben, ist Diversity kein Luxus – sondern Überlebensstrategie. Und wenn wir es schaffen, hinter die Fassaden zu schauen, die Rollenbilder zu enttarnen und die Originale zu feiern, dann schaffen wir etwas, das uns wirklich trägt: ein Wir, in dem jedes Ich glänzen darf.

Der Autor: Ali Mahlodji ist Keynote Speaker sowie Gründer und CEO von futureOne, einem Unternehmen, das Persönlichkeitsentwicklung, Leadership und Transformationsprozesse in Unternehmen unterstützt. Mahlodji kam als iranisches Flüchtlingskind nach Europa, war Schulabbrecher, holte dann die Matura nach und machte berufsbegleitend an der FH Technikum Wien seinen Bachelor of Science. Er arbeitete eine Zeitlang im Top-Management internationaler Tech-Konzerne, sattelte nach einem Burnout jedoch nochmals um und gründete die Plattform whatchado, die unter seiner Führung in den ersten drei Jahren Marktführer für Video-Employer-Branding im deutschsprachigen Raum wurde. Kontakt: ali.do

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