62 Tage Meditation

Schweigen für den (inneren) Frieden

62 Tage Schweigen. Kein Handy, kein Facebook, gar kein Außenkontakt. Das hat Katja Sterzenbach hinter sich gebracht. Weil sie meditiert hat in Myanmar. Nebenbei hat sie über 20.000 Euro Spendengelder für ein Kinderhospiz gesammelt. Was die Rednerin, die sich selbst Lady Achtsam nennt, beim In-sich-Gehen erlebt hat, erzählt sie im Interview.

Frau Sterzenbach, wie sind Sie auf die Idee gekommen, zwei Monate lang zu meditieren?

Katja Sterzenbach: Ich hatte schon einige Erfahrungen mit der so genannten Vipassana-Meditation gemacht. Das ist eine zehntägige Achtsamkeitsmeditation, bei der man elf Stunden pro Tag sitzend meditiert, nicht redet und keinen Blickkontakt hat. Da ich dabei sehr viele wertvolle Erkenntnisse für mein Leben mitnehmen konnte, war ich interessiert an einer intensiveren Erfahrung. Im Kloster in Burma gibt es ein feststehendes Retreat, das in jedem Jahr vom 1. Dezember bis 31. Januar läuft. Dennoch kann jeder kommen und gehen, wann er möchte – vorausgesetzt, er bleibt mindestens 10 Tage. Das habe ich mitgemacht, denn ich wollte einfach wissen, wie mein Körper und mein Geist auf 62 Tage pures Achtsamkeitstraining reagieren.

Wie genau haben wir uns das vorzustellen? Beschreiben Sie uns bitte Ihren typischen Tag.

Mein Wecker klingelte um 2:15 Uhr. Die Zeit bis zum offiziellen Wake-up-Gong um drei Uhr nutzte ich für Workout und Stretching. Ab 3:30 Uhr ging es los mit einer halben Stunde Meditieren im Gehen. Von vier bis fünf Uhr gab es dann die erste Sitz-Meditation. Dann ging es im langsamen Gänsemarsch zur Dininghall, zum Frühstück um kurz vor sechs Uhr. Da gab es eine warme Gemüsesuppe mit Reis oder Nudeln und frisches Obst, meist Papaya. Von sieben bis acht Uhr ging es weiter mit Sitzmeditation, im Anschluss eine Stunde Gehmeditation und dann wieder Sitzen. Danach hieß es wieder in einer Reihe aufstellen - das war wirklich wie in der Schule - und im Gänsemarsch ab zur Dininghalle für das Mittagessen gegen elf Uhr. Bis 13 Uhr hatten wir dann „Mindful Rest" und Zeit zum Wäsche waschen, Power Napping, Putzen etc. Von 13 bis 16:30 Uhr waren abwechselnd sitzende und gehende Meditationen angesagt. Als letzte Mahlzeit gab es einen Fruchtsaft, mehr nicht, also auch kein Abendessen. Um 17:30 Uhr trafen wir uns, um im Gänsemarsch zur Männer-Meditations-Halle für den täglichen Dhammavortrag von Sayadaw U Pandita zu laufen. Dieser meditiert seit seinem siebten Lebensjahr und ist mittlerweile 92 Jahre alt. Im Anschluss, 19:15 bis 20 Uhr, gab es die letzte Gehmeditation des Tages und von 20 bis 21:15 Uhr die letzte Sitzmeditation. Ich lag dann meist gegen 21:30 Uhr in meinem Schlafsack, hatte also 4,5 Stunden Zeit zum Schlafen. Was mir interessanterweise völlig ausreichte.

Also verliefen alle Tage absolut gleich?

Oberflächlich betrachtet schon, die Struktur war jeden Tag dieselbe. Doch natürlich verlief nicht jeder Tag gleich. Das ist wie in unserem Alltag, den es ja auch in diesem Sinne nicht gibt. Denn jeder Moment ist einzigartig und bringt Neues. Es liegt an uns, dies wahrzunehmen und die Schönheit des Augenblicks zu erkennen. Nur dann sind wir im Hier und Jetzt und gewappnet gegen Gefühle und Zustände wie Stress und Burnout.

Hatten Sie neben dem strikten Ablauf bestimmte Regeln einzuhalten?

Ja, und die erleichtern die Meditationspraxis wesentlich: Vom ersten Augenblinzeln am Morgen bis zum Schließen der Augen am Abend wurde absolute Achtsamkeit in allen Dingen, sowie Schweigen, kein Blickkontakt, alles in Zeitlupe machen, gefordert. Also gab es keine hastigen Bewegungen, kein Buch zu lesen und die Benutzung eines Telefons oder Computers erst recht nicht.

Sie haben eben erwähnt, dass Sie in die Männer-Meditationshalle gegangen sind. Meditieren Frauen und Männer getrennt?

Ja, ein Mix würde zu sehr ablenken. Manche Mönche sehen wirklich sexy aus... und schon allein diese Feststellung ist Ablenkung und hinderlich für die Konzentration. Es wird alles reduziert, was irgendwie ablenken könnte. Deshalb auch Schweigen, Blick zum Boden etc.

Hatten Sie denn während Ihres Aufenthaltes Kontakt zu anderen Meditierenden?

Am Anfang schon. Der Tagesablauf im Kloster bedeutet gerade in den ersten vier bis zehn Tagen eine extreme Umstellung. Und die Meditationspraxis erfordert sehr viel Anstrengung. Ich dachte, da tut es gut, einfach mal mit jemanden zu reden. Obwohl es wie gesagt nicht erlaubt war. Das Spannende war allerdings: Das Reden tat letztlich nicht gut und war dem Achtsamkeitsprozess eher hinderlich. Deshalb habe ich dann irgendwann für mich beschlossen, ins tiefe Schweigen zu verfallen. So konnte ich einen Zustand der absoluten Unabhängigkeit erreichen, in dem Zeit nur noch ein Konstrukt und wirklicher tiefer Frieden in mir war. Ich habe daher auch nicht mitbekommen, wie viele tatsächlich die 62 Tage meditiert haben. Meinem Empfinden nach war es ein Kommen und Gehen. Ich schätze, 20 Yogis haben die vollen zwei Monate gemacht. Die meisten kürzer. Es waren überwiegend Asiaten dort, sprich Chinesen, Nepalesen, Burmesen etc. Und für die gehört ein zwei- bis dreiwöchiges Retreat zum normalen Leben dazu. Es gab allerdings auch Nonnen, die waren schon seit einem halben Jahr dort.

Wenn man 62 Tage keinen Kontakt zur Außenwelt hat, kein Handy, kein Facebook - was und woran denkt man dann?

Der Grundsatz lautete: don´t think, just meditate! Doch Gedanken kommen automatisch. Die Aufgabe lautet dann, diese zu beobachten und zum Hauptobjekt (dem Heben und Senken der Bauchdecke) zurückzukommen. Die auftauchenden Gedanken waren unterschiedlicher Natur. So gab es Momente, in denen ich in meinen Phantasien versunken war oder auch in Erinnerungen schwebte. In den ersten drei Wochen habe ich noch die Tage gezählt, doch das habe ich dann auch loslassen können. Und irgendwann werden Gedanken immer langsamer, so dass jeder einzelne Gedanke klar und sichtbar ist. Mehr als einmal war z.B. der Gedanke des Abbruchs da, ich dachte, das schaffst du niemals. Doch in solchen Augenblicken habe ich an die Kinder im Hospiz gedacht und die Menschen, die eine Auszeit brauchen könnten, aber es bisher noch nicht geschafft haben, sich die Zeit dafür zu nehmen. Das gab mir Kraft.

Was war während der Zeit die größte Herausforderung für Sie?

Hm, letztlich war jeder Moment eine Herausforderung, denn Ziel und Aufgabe war es, die Intention vor jeder Aktion wahrzunehmen und zu beobachten. Und das gelingt nur, wenn wir alles ganz langsam machen, wie in Zeitlupe. Also Entschleunigung im wahrsten Sinne des Wortes. Das bedeutet, bevor ich z.B. beim Essen den nächsten Bissen mache, schaue ich mir die Gabel an und erkenne die Intention, die Gabel zum Mund zu führen. Dann erst führe ich die Gabel zum Mund. Nicht währenddessen, sondern erst wenn die Gabel kurz vor dem Mund ist, öffne ich diesen. Dann schiebe ich die Gabel in den Mund usw. Also, jede Intention und Bewegung für sich wahrzunehmen und durchzuführen. Nicht essen und reden oder in der Gegend rumschauen, sondern einzig und allein sich einem Objekt widmen. Das erfordert Achtsamkeit - basierend auf Anstrengung, Glauben, Gelassenheit und Gleichmut. Somit war jeder einzelne Augenblick eine Herausforderung und mein größter Gewinn zugleich.

Was raten Sie anderen, die meditieren wollen? Wie startet man am besten?

Wichtig ist, die eigene Intention zu kennen. Denn ohne Ziel wird keine freudige Anstrengung freigesetzt. Und diese ist wichtig, um den Geist zu zähmen. Dann braucht es einen guten Lehrer oder auch sogenannten spirituellen Freund für eine verständliche Anleitung und den Austausch der Erfahrungen. Ein ruhiger Ort, an dem der Geist nicht abgelenkt werden kann, ist auch sehr hilfreich. Eine Erleichterung ist zudem ein Vertrauensvorschuss in die Methodik der Meditation, die Überzeugung, dass sie gut tut. Zweifel oder eine Einstellung wie „ich probiere mal..." werden den Erfolg verhindern. Tja und wie starten? Nicht so viel nachdenken, sondern einfach tun!

Kann Ihre Meditationszeit in Myanmar anderen ein Beispiel sein?

Wenn dem so ist, freue ich mich. Ich kann nur jeden dazu ermuntern, denn es ist heilsam. Es müssen ja nicht gleich zwei Monate sein. Zehn Minuten täglich reichen vollkommen.

Ihre Aktion lief unter der Headline Meditieren für den Weltfrieden. Warum?

Warum nicht? Ich wurde oft angesprochen, ob das nicht ein bisschen zu übertrieben sei. Mir war bzw. ist es wichtig, daran zu erinnern und das Bewusstsein zu wecken, dass Frieden in jedem einzelnen von uns beginnt. Wenn wir selbst keinen inneren Frieden spüren, wie können wir Frieden nach außen tragen? Doch genau das ist es, was in unserer Welt fehlt. Dazu brauchen wir nur die Tageszeitung oder die Nachrichten anschauen. Und ich rede jetzt noch nicht mal von den Kriegen zwischen einzelnen Nationen, sondern auch den zwischenmenschlichen Beziehungen und den Kämpfen in uns selbst. Alles Große beginnt im Kleinen, und wer weiß, vielleicht schaffe ich es ja, dass in den Schulen vor jeder Stunde für eine Minute meditiert wird oder im Bundestag vor den Debatten eine Minute achtsames Schweigen stattfindet.

Sie haben über 20.000 EUR für ein Kinderhospiz gesammelt. Warum haben Sie Ihre Meditation mit einer Charity-Aktion verbunden?

Wie gesagt: Weltfrieden beginnt bei jedem Einzelnen. Und da hilft oft schon ein Lächeln. Ich wollte Menschen ein Lächeln ins Gesicht zaubern, denen nicht unbedingt nach Lächeln zumute ist. Und das Kinderhospiz arbeitet nach den gleichen Prinzipien, Gutes zu tun, wie das Kloster, in dem ich war: Man kann dort Zeit verbringen, finanziert durch Spenden. Zudem verdrängen wir den Tod ja ganz gern. Ich hatte das Bedürfnis, der Welt etwas zurückzugeben. Wir betreiben extremen Raubbau an unserem Planeten, den Ressourcen der Natur und denen der Menschen. Ich durfte bisher in meinem Leben sehr privilegiert leben. Ich bin in einem Land groß geworden, in dem Frieden herrscht, es uns materiell sehr gut geht, wir in Freiheit leben und keiner an Hunger sterben muss. Dafür bin ich sehr dankbar. Daher ging es mir auch darum, das Bewusstsein für die Schönheit des Augenblicks des Lebens zu schärfen. Weniger jammern, sondern die Zeit sinnvoll nutzen.

Wie sind Sie auf das Kloster in Myanmar gekommen?

Ich wollte zur Quelle gehen. Sayadaw U Pandita ist einer der bedeutendsten spirituellen Lehrer des traditionellen Theravada-Buddhismus und einer der letzten lebenden Schüler des verehrten Mahasi Sayadaw, dem Reformer des Theravada im heutigen Myanmar. Die Methodik ist sehr streng, deshalb trifft man dort - wie gesagt - hauptsächlich Asiaten. Westliche spirituelle Lehrer wie Jack Kornfield, Joseph Goldstein oder auch Deepack Chopra sind beeindruckende Persönlichkeiten, doch auch sie haben von Mahasi Sayadaw, dem Lehrer Sayadaw U Panditas, gelernt. Auch die Umgebung war perfekt für diese Erfahrung. Allein die Natur und die Menschen in diesem Land haben so viel Frieden ausgestrahlt - trotz aller Gewalt und Unruhen, die auch in diesem Land geschehen. Ich war umgeben von Bambus- und Mangobäumen, vielen kleinen Seen und wilden Tieren, deren Geräusche ständig zu hören waren.

Und wie fühlen Sie sich jetzt?

Ich möchte es so zusammenfassen: I recharged my batteries and feel a bit transformed.

Fotos (bereitgestellt von Katja Sterzenbach): Foto 1: Katja Sterzenbach im Kloster vor Beginn des Retreats. Foto 2: Der Gänsemarsch beim Weg zum Essen und zum Dhammavortrag. Foto 3: Ihre Schlafkammer- ihr Kuti. Foto 4: Moskitos stören beim Meditieren. Foto 5: Einer von 4.000 Buddhas in Bagan, Myanmar.
15.03.2013
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