#HRmachtNextAct

Reisekosten abrechnen oder Menschen begleiten?

Es war ein Stell-Dich-Ein der Personalerszene. Namhafte Berater ebenso wie Vertreter von Unternehmen, die sich in irgendeiner Weise dem Vorreitertum in der HR-Welt verschrieben haben, trafen sich erstmals am Vortag der Messe Zukunft Personal zum Event #HRmachtNextAct. Das Haupt-Thema folgte dem Veranstaltungsnamen: Wohin entwickelt sich HR?

Beitrag von Sylvia Lipkowski und Nicole Bußmann

Schauplatz der Zukunftssuche ist das Bauwerk in Köln-Kalk, keine der freundlichen Gegenden der Domstadt. Der Kaffee schmeckt schlecht, das Ambiente ist dennoch cool: ein Industrie-Loft mit rauen Wänden und reduziertem Design, alles atmosphärisch beleuchtet, für die Sessions werden Eventboxen aus den hellen Milchglaswänden gezogen. New Work bekommt einen handwerklichen Charakter. Auch, weil Erwin Stickling, Herausgeber der Personalwirtschaft und Mitveranstalter des Events, den Gästen zum Einstieg hemdsärmlig erklärt, wie sie ihre Sitzgelegenheiten selbst zusammenbauen. Denn echte Stühle gibt es hier nur wenige. Stattdessen Pappkartons, die zusammengefaltet werden müssen. Spätestens hier wird unmissverständlich klar: Selbermachen ist gefragt. Aber ganz ohne Druck: „Falls wir feststellen, HR kriegt es nicht geregelt, geht es nicht aus diesem Raum raus", versichert Winfried Felser augenzwinkernd.

Felser ist es, der „#HRmachtNextAct“ im vergangenen Jahr aus der Taufe gehoben und damals noch alleine organisiert hat. Er ist Geschäftsführer der NetSkill Solution GmbH und Betreiber der Plattform Competence Site, was ihn restlos unzureichend beschreibt. Er ist vielmehr der Networker, ein Dauer-Facebook-Poster, liebenswert ehrgeizig in der Mission. Für das zweite Event hat er gediegene Mitstreiter: in Form der Zeitschrift Personalwirtschaft, die sich anlässlich des 25jährigen Jubiläums ihres Preises, den sie jährlich an HR-Macher verleiht, ein cooleres Ambiente wünschte. Und von der Messe Zukunft Personal, in deren Vorfeld das Zusammentreffen stattfindet.

Das Setting ist offen, spontan und vor allem dialogorientiert: Es gibt Podiumsdiskussionen ohne Podium, Zusammenkünfte von 5 bis 50 Personen in Form von Arbeitskreisen und Barcamp-ähnliche Sessions, die alle etwas mit „Next“ im Titel tragen: Next Leadership, Next Recruiting, Next HR... Schnell wird klar: Konkrete Ergebnisse wird es hier nicht geben, so vielfältig sind die versammelten Erfahrungen, Meinungen, Menschenbilder, Beratungsansätze. Dennoch ist man sich, was die grundlegenden Herausforderungen angeht, immer wieder fast zu einig. Eine Zusammenschau in Form einiger zentraler Aussagen:

-> Führung wird vielfältiger „Digital Leadership heißt Verantwortung übernehmen und den Mut haben, Entscheidungen zu treffen“, Michael Kühner, Geschäftsführender Gesellschafter, Strametz & Associates „Es führt, wer durch offene Zusammenarbeit Kollegen hinter sich schart. Follower sind wichtiger als Machtinsignien.“, Alexander Kluge, Chief Digital Adviser, Kluge Consulting, Berlin, @alecmcint „Agile Arbeitsweisen machen es vor: die Trennung alter Führungsrollen in aufgaben- und peopleorientierte Rollen“, Walter Jochmann, Geschäftsführer Kienbaum Consultants International, @walterjochmann „Lasst die Mitarbeiter entscheiden, wie sie geführt werden wollen. Nicht one size fits all“, Stefan Grabmeier, Chief Innovation Evangelist, Haufe Group, @trill_stephan

-> Der digitale Nachholbedarf ist groß: „Die technische Aufrüstung der HR-Funktion ist eminent wichtig. Aber wenn es hier kein sauberes Prozessmanagement gibt, braucht man mit IT gar nicht anzufangen“, Walter Jochmann „NextHR braucht Zeit für Menschen, die haben wir nicht, solange wir noch Reisekosten abrechnen“, Harald Schirmer, Manager Digital Transformation & Change, Continental AG, @haraldschirmer

-> HR muss eine Führungsrolle übernehmen: „Viele Geschäftsleitungen haben die Relevanz des Faktors Mensch erkannt, wenden sich aber oft an andere Abteilungen“, Kai Anderson, Vorstand und Gründungspartner Promerit AG „HR muss sichtbar werden als Kulturpräger“, Harald Schirmer „Die Aufgabe von HR ist es nicht nur dafür zu sorgen, dass die richtigen Mitarbeiter in die richtigen Positionen kommen – sondern auch, dass sie wissen, wofür sie sich dort engagieren sollen: right people, right place, right time plus Sinnhaftigkeit“, Kai Anderson

-> Es braucht vor allem Mut: „Der Freiraum ist größer, als wir meinen: Daher einfach mal machen – bis einem jemand auf die Finger haut. Und dann eben in den Konflikt gehen “, Sabine Kluge, Global Program Manager Learning and Development, Siemens AG, @netzabine „Es gibt keine organisatorische Transformation ohne eigene Transformation“, Harald Schirmer

-> Das Ungewisse aushalten lernen: „Wenn wir ganz vorn mit dabei sein wollen, dann gibt es noch keine Benchmark!“, Harald Schirmer „Die zentrale Kompetenz für die Zukunft ist die Lernfähigkeit als Grundlage jeder Veränderungsfähigkeit. Hier hat die HR einen zentralen Hebel“, Kai Anderson

Der gemeinsame Nenner, der sich in Köln finden lässt, ist die Gewissheit, dass sich HR verändern muss. Immer mal wieder wird daher in Köln der Philosoph Richard David Precht zitiert, der in seiner Vision der zukünftigen Gesellschaft 18 Millionen Arbeitslose ebenso sieht wie die Unausweichlichkeit eines bedingungslosen Grundeinkommens. Die Veränderungen, die sich für die Mitarbeiter und HR ergeben, sind immens: Sie reichen vom Ende der klassischen Karriereplanung und der Frage, wie sinnvoll es überhaupt noch ist, Führungskräfte zu entwickeln bis hin zu persönlichen Versagensängsten und der nackten Panik angesichts ungewisser Jobchancen. Dafür, diese Veränderungen zu begleiten, ist HR eigentlich prädestiniert. Doch: „40 Prozent der Personalabteilungen sind noch in der Vor-Dave-Ulrich-Ära“, mahnt Walter Jochmann von Kienbaum. „Nur 6 bis 10 Prozent der Belegschaften beschäftigen sich überhaupt mit der Transformation“, sagt Gunther Olesch von Phoenix Contact.

Der Stimmung im Bauwerk tut das keinen Abbruch, hier steht die Vernetzung der sich oftmals nur über Facebook und Twitter kennenden Szene im Vordergrund. Das von vielen als "Klassentreffen" bezeichnete Event hat aber die Chance, bei einer Neuauflage noch mehr daraus zu machen. *****

Foto 1: Fullhouse im Schauplatz der Zukunftssuche - im Bauwerk in Köln-Kalk Foto 2: Winfried Felser (links, stehend) hat HRmachtNextAct aus der Taufe gehoben.
20.09.2017
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