Sven Franke

„Beim Thema Menschenbild stecken wir noch in den Kinderschuhen“

Mit den Dokumentationsfilmen AUGENHÖHE und AugenhöheWEGE ist eine Diskussion über den Wandel der Arbeitswelt und der Führung in Gang gesetzt worden. Ihr Mitiniator Sven Franke ist Ende März 2017 mit dem New Worker Award ausgezeichnet worden. managerSeminare sprach mit ihm über den Preis, sein Beraterverständnis, drängende Fragen und die Zukunft.

Herr Franke, Ende März sind Sie – gemeinsam mit einigen anderen - mit dem Award „New Worker des Jahres“ ausgezeichnet worden. Was bedeutet Ihnen der Preis?

Seit vier Jahren werden mit dem New Work Award von XING Unternehmen ausgezeichnet, die Vorbilder für die Zukunft sind und im Zuge des Wandels der Arbeitswelt schon heute ein Zeichen setzen. Zum ersten Mal wurden in diesem Jahr auch Ideengeber und Vordenker, die mit ihrem Schaffen sinnbildlich für die neue Arbeitswelt stehen, ausgezeichnet. Zu den ersten Preisträgern dieser neu geschaffenen Kategorie zu gehören ist eine wunderbare Auszeichnung. Sie zeigt für mich, dass ich mit dem, was ich tue, auf dem richtigen Weg bin, und das spornt mich weiter an.

Würden Sie sich selbst als New Worker bezeichnen?

Thomas Sattelberger hat in seiner Laudatio für die New Worker die Preisträger wie folgt beschrieben: „Es sind nicht Unternehmen, die New Work machen. Es sind die selbstbewussten Persönlichkeiten, Evangelisten, Rebellen, Partisanen, Brückenbauer, Intrapreneure und Solo-Selbständige.“ Wenn ich diese Beschreibung zu Grunde lege, kann ich sagen, ja ich bin ein New Worker.

Was unterscheidet Sie von anderen Change-Beratern?

... dass ich mich nicht als Berater sehe. Kürzlich wurde ich sogar als Anti-Berater beschrieben. Das passt schon besser, auch wenn es vielleicht etwas überspitzt ist. Beispiel: mein wenig angepasstes Outfit. Wenn man in Pulli und Jeans zu Veranstaltungen oder einem Termin bei Vorständen geht, dann irritiert das heute immer noch viele. Es zeigt aber, dass mich als Mensch einbringe, mit meiner Kompetenz und Persönlichkeit, ich verstecke mich nicht hinter einer uniformen und konformen Kleidung. Zudem bin ich - und übrigens auch meine Kollegin von CO:X - überzeugt, dass kein Berater die Kultur eines Unternehmens verändert. Wir wissen nicht, was das Beste für die Organisation ist, das können nur die Menschen in der Organisation herausfinden. Wir sind dabei Begleiter, Sparringspartner, kritischer Freund – wir spiegeln, hinterfragen, irritieren und sprechen Dinge aus, die sich Menschen in der Organisation nicht trauen zu sagen. So durchbrechen wir Muster und schaffen damit unerwartete Räume für neue Wege. Und genau das ist die Mission von CO:X, meiner frisch gegründeten Unternehmung: neue Möglichkeitsräume für Organisationen zu schaffen.

Was bringt denn so ein Award? Abgesehen vom persönlichen Ruhm...

Der Award bringt noch mehr Sichtbarkeit für die Themen, die mich bewegen. Sei es das große Thema Augenhöhe, sei es das Thema Unternehmensbegleitung oder sei es das neue Thema MitbestimmungPLUS, bei dem die zukunftsfähige Zusammenarbeit zwischen Arbeitnehmer- und Arbeitgebervertretern im Fokus steht.

Das Projekt AUGENHÖHE, das Sie gemeinsam mit anderen an den Start gebracht haben, besteht inzwischen aus weit mehr als den Filmen...

Durch unsere Entscheidung, unsere Filme für nicht-kommerzielle Veranstaltungen kostenfrei zur Verfügung zu stellen, wurde ein sehr breiter Dialog angeregt. Inzwischen können wir auf über 500 Veranstaltungen verweisen. Gleichzeitig ermöglichte unser sehr offener Umgang mit der Community, dass ein Raum entstand für neue Ideen. Schöne Beispiele sind hier die AUGENHÖHEcamps, eine Mischung aus Barcamp und Open Space, bei denen von uns nur ein Rahmen vorgegeben wird, den jeder aber nehmen und umsetzen kann. Aber auch ein neues Format AUGENHÖHElive, welches in der Regionalgruppe in München entstanden ist und in den nächsten Tagen zum zweiten Mal durchgeführt wird. Dort kann man Pioniere der Augenhöhe-Bewegung live erleben und mit ihnen ins Gespräch kommen. Was mich aber besonders freut, ist, dass inzwischen erste Unternehmen auf uns zukommen, die von AUGENHÖHE in ihrer Kulturentwicklung beeinflusst wurden. Und es dabei geschafft haben, ihren ganz individuellen Weg zu finden.

Wenn Sie auf die Anfänge zurückblicken: Was hat sich getan? Bezogen auf die Unternehmenswelt, den Umgang miteinander...

Spannende Frage. Als die Idee im Dezember 2013 zu dem ersten AUGENHÖHE Film entstand, hat kaum einer von Augenhöhe im Zusammenhang mit Wirtschaft oder dem Unternehmenskontext gesprochen. Einige Beispiele wie Premium Cola u.a. mit dem Einheitslohn wurden bei der Premiere als Sozialromantik abgetan. Zwei Jahre später berät Uwe Lübbermann (Zentraler Moderator von Premium) Konzerne und Behörden zum Thema Unternehmenskultur. Nicht zu vergessen, dass es in der Schweiz in der Zwischenzeit einen Volksentscheid zum bedingungslosen Grundeinkommen gegeben hat. Wenn wir aktuell auf das Thema Augenhöhe schauen, ist der Begriff bei vielen Unternehmen in den Köpfen und in den Wortschatz übergegangen. Jetzt heißt es, sich an die Umsetzung zu machen und sich von möglichen Blaupausen zu verabschieden und den eigenen Weg zu finden.

Woran scheitert das häufig in der Beratungs- bzw. Begleitungsarbeit? Ganz klar: am fehlenden Mut und Selbstvertrauen der Kunden.

Dieses Jahr waren Sie zum dritten Mal bei den Petersberger Trainertagen. Und wiederum haben über 80 Teilnehmer den Special-Shortcut von AUGENHÖHEwege sehen wollen. Was für Fragen wurden im Anschluss gestellt? Worum ging es hauptsächlich in der Diskussion?

Erst einmal danke an dieser Stelle, dass wir drei Jahre in Folge dabei sein konnten. Dieses Jahr hatten wir einen 20 min Shortcut aus dem Konzernumfeld im Gepäck, den wir zur Diskussion gestellt haben. Folgende Fragen standen dabei im Fokus:

- Wie kann die Übernahme von Verantwortung gelingen? - Will jeder Mitarbeiter wirklich Verantwortung haben oder gibt es auch die anderen? - Was braucht es, damit Teams Verantwortung übernehmen? - Welche Rolle spielen Trainer und Coachs? - Wie entwickelt sich die Rolle Führungskraft? - Brauchen wir neue Formen der Entlohnung?

Schon allein an der Vielzahl der Fragen lässt sich ablesen, wie intensiv die Diskussion geführt wurde. Besonders bei den Fragen und Diskussionen rund um Verantwortung und Verantwortungsübernahme zeigte sich für mich, wie wir beim Thema Menschenbild noch in den Kinderschuhen stecken.

Was wünschen Sie sich von den Change-Beratern in Deutschland?

Die Erkenntnis und Ehrlichkeit darüber, dass Change kein Projekt mit einem definierten Ende nach zwei Jahren ist.

Und was wünschen Sie sich für die Zukunft in Bezug auf die AUGENHÖHE-Bewegung?

Was uns bis hierhin gebracht hat, ist eine große Offenheit, Menschen einzubinden und Menschen Raum zu geben, AUGENHÖHE gemeinsam mit uns in die Welt zu tragen. Für die Zukunft wünsche ich mir, dass wir weiter gedankliche Mauern einreißen und das nicht nur in der Arbeitswelt, sondern auch in der Bildungswelt, mit AUGENHÖHEmachtSchule.

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Foto: Die ausgezeichneten New Worker auf dem XING-Event. Sven Franke ist der zweite von links, ganz rechts steht der Jury-Vorsitzende Thomas Sattelberger. Quelle: XING
09.05.2017
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