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Beitrag von Horst Lempart aus Training aktuell 06/26, Juni 2026
„Was wollen Sie erreichen?“ Diese Frage klingt harmlos, gar professionell. Sie klingt nach Zielklarheit, Fokus und Ergebnisorientierung. Sie ist aber auch oft der direkteste Weg, im Coaching am eigentlichen Thema vorbeizuarbeiten. Denn kaum ist die Frage gestellt, liefert der Coachee die „passende“ Antwort: „Ich möchte gelassener werden“, „Ich will meine Führung verbessern“ oder „Ich möchte klarer kommunizieren“. Da unser Gehirn schnelle Antworten liebt, klingt das alles erst mal rund und coachingtauglich. Die Neurowissenschaft nennt das „kognitive Leichtigkeit“: Unser Denken bevorzugt das, was sich einfach und stimmig anfühlt. Und genau das passiert hier. Der Coachee greift auf sozial erwünschte, vertraute Ziele zurück – nicht auf die, die wirklich unter der Oberfläche brodeln.
Grundsätzlich haben Ziele ein Imageproblem – genauer gesagt ein Attraktivitätsproblem. Sie gelten als Motor für Veränderung. Und ja, das können sie sein, wenn es wirklich eigene Ziele sind. In der Praxis sind sie aber oft etwas anderes, z.B. gut formulierte Ausreden, rationalisierte Wünsche oder schlicht Erwartungen von außen.
Das Gehirn agiert bei der Formulierung eines Ziels ziemlich geschickt. Der präfrontale Cortex – zuständig für Planung und Zielsetzung – baut in Sekunden eine plausible Geschichte zusammen, warum dieses Ziel jetzt absolut sinnvoll ist. Blöd nur: Die eigentliche Musik spielt ganz woanders. Denn während vorne im Kopf geschniegelt formuliert wird und der Zielsatz herausgeputzt klingt, sitzt weiter hinten das limbische System – zuständig für Emotionen, Bedürfnisse und Motivation – und denkt sich: „Nette Idee. Mach' ich aber nicht mit.“ Und genau deshalb scheitern so viele „klare Ziele“ an der Umsetzung. Nicht, weil sie schlecht formuliert sind, sondern weil sie nicht emotional anschlussfähig sind.
Viele „klare Ziele“ scheitern an der Umsetzung, weil sie nicht emotional anschlussfähig sind.
Im Coaching verwechseln wir gerne zwei Dinge: Ein Ziel zu haben und etwas wirklich zu wollen. Wenn ein Coachee also sofort ein klares, sauberes Ziel liefert, sollte man als Coach hellhörig werden, einen Schritt zurückgehen und unbequeme Fragen stellen:
Mit diesen Fragen verlässt das Coaching die Ebene der kognitiven Schnellantworten und nähert sich dem, was im Gehirn tatsächlich handlungsrelevant ist: Bedeutung, Emotion, innere Konflikte. Zielklarheit kann folglich ein Ergebnis von Coaching sein, sie ist aber selten ein guter Startpunkt. Deshalb ist das Herausarbeiten des echten Ziels hinter dem rund formulierten Ziel wesentlicher Teil einer guten Auftragsklärung.
Der Autor: Horst Lempart ist Coach, Supervisor, Autor und Speaker mit eigener Praxis in Koblenz. Er bezeichnet sich selbst als „Der Persönlichkeitsstörer“. Zu seinen Kernthemen gehören: Persönlichkeitsentwicklung, Selbststeuerung und Wandel gestalten. Kontakt: horstlempart.de
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