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Beitrag von Simon Werther aus managerSeminare 341, August 2026
„Wir müssen alle mehr arbeiten“ – Dies wird uns seit Monaten sowohl von politischer als auch unternehmerischer Seite gepredigt. Allen voran: Bundeskanzler Friedrich Merz wird nicht müde, die Deutschen ob ihrer unzureichenden Arbeitsmoral zu tadeln. Und selbst vom ehemaligen grünen baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann waren mehrfach markige Töne vom „Zupacken und Ranklotzen“ zu hören. Es geht dabei einerseits um ein gesteigertes Arbeitsvolumen insgesamt, also um die Frage, wie bislang ungenutzte Arbeitsmarktpotenziale – etwa von Frauen – in Deutschland erschlossen werden können. Andererseits geht es aber auch um längere Arbeitszeiten für bestehende Vollzeitbeschäftigungen.
Eine einfache Annahme dahinter ist oft die, dass mehr Arbeitszeit automatisch nicht nur zu mehr Leistung (Gesamt-Output), sondern auch zu mehr Produktivität (Output pro Stunde) führt. Wäre es so einfach, dann könnten wir die multiplen wirtschaftlichen Krisen und Herausforderungen des Wirtschaftsstandorts Europa schlicht und ergreifend durch eine Erhöhung der Arbeitszeit lösen. Doch ist es wirklich so einfach?
Bei der Beantwortung dieser Frage hilft eine interdisziplinäre wissenschaftliche Perspektive. Was den postulierten Zusammenhang von Arbeitsvolumen und Produktivität angeht, lässt etwa ein Ländervergleich anhand von OECD-Daten schnell Zweifel an der makroökonomischen Gleichung „Mehr Arbeitsstunden gleich mehr Produktivität“ aufkommen. So gehören Länder mit dem größten Arbeitszeitvolumen wie Griechenland oder Mexiko nicht zu den weltweit produktivsten Volkswirtschaften. Nicht unbedingt, weil dort mehr Stunden geleistet werden (der Vergleich zeigt keine Ursache-Wirkungsbeziehung, sondern nur eine Korrelation an), doch höchstwahrscheinlich, weil andere Faktoren wie Branchenschwerpunkte, Technologie und Bildungssystem ebenfalls relevant sind. Hinzu kommt: In den meisten Industrienationen sank die durchschnittliche Jahresarbeitszeit seit den 1950er-Jahren – während gleichzeitig die Produktivität durch technischen Fortschritt, bessere Ausbildung und andere Faktoren anstieg. Ein erster Hinweis darauf, dass die Arbeitszeit höchstens einer von vielen Einflussfaktoren auf Leistung und Produktivität sein kann – und der alleinige Fokus darauf wenig Sinn hat.
Der Eindruck verfestigt sich, wenn wir das Feld der Makroökonomie verlassen und in das der Psychologie als Wissenschaft des Erlebens und Verhaltens von Menschen eintauchen. Psychologisch gesehen sind Motivation und Engagement – individuell wie auch kollektiv – besonders wichtige Voraussetzungen für produktives Arbeiten. Beides lässt sich durch verschiedene Stellschrauben positiv oder negativ beeinflussen. Beispielsweise durch Führung: Die psychologische Forschung der vergangenen Jahrzehnte zeigt, dass positives Führungsverhalten wie ethische Führung, dienende Führung und transformationale Führung auch entsprechend positiv mit der Motivation und dem Engagement von Mitarbeitenden zusammenhängt. Dementsprechend kann eine Veränderung des Führungsverhaltens zu einer Erhöhung der Leistung und der Produktivität führen – ohne dass an der Arbeitszeit gedreht wird. Genauso kann allerdings eine Verschlechterung des Führungsverhaltens oder das Beibehalten eines negativen Führungsverhaltens zu gleicher oder sogar sinkender Leistung und Produktivität führen – auch in dem Fall unabhängig von der Arbeitszeit. Ähnliches gilt für das psychologische und strukturelle Empowerment von Mitarbeitenden: Werden Mitarbeitende an Entscheidungsprozessen beteiligt, können sie ihre Kompetenzen einbringen, erleben sie sich selbst als kompetent und wirksam in ihrem Handeln, dann kann dies ihre Motivation und Leistungskraft erhöhen – und umgekehrt.
„Mehr Arbeitszeit gleich mehr Produktivität“ lässt sich aus der psychologischen und ökonomischen Forschung nicht ableiten. Gerade in der Wissensarbeit ist dieser Zusammenhang kein Automatismus.“
Es gibt jedoch auch wissenschaftliche Untersuchungen, die nahelegen, dass die Arbeitszeit durchaus einen Einfluss auf Produktivität und Leistung hat. Man muss dies aber differenziert betrachten. So hängt die Wirkung der Arbeitsstundenzahl auch von der Art der Tätigkeit ab. In der Wissensarbeit können kognitive Überlastung und Ermüdung in Sachen Produktivität negativ zu Buche schlagen, wenn über ein gesundes Maß hinaus gearbeitet wird. Außerdem gilt hier: Wer bei einer kreativen Tätigkeit länger arbeitet, hat dadurch nicht unbedingt mehr Ideen oder kreativen Output. Bei standardisierten Tätigkeiten wiederum kann es durch zusätzliche Arbeitsstunden in der Tat zu mehr Output kommen. Sprich: Die Mitarbeitenden sind dann zwar nicht pro Stunde produktiver, aber sie sind länger produktiv. Allerdings haben Untersuchungen auch hier immer wieder eine umgedrehte U-Kurve gezeigt: Nach einem Peak fällt die Produktivität durch noch mehr Mehrarbeit aus verschiedenen Gründen wieder ab.
Berühmt geworden ist beispielsweise eine Studie des Stanford-Ökonomen John Pencavel, die hier exemplarisch aufgeführt wird, auch wenn sie der Arbeitsrealität in Deutschland nur bedingt entspricht. Er zeigte in seiner Forschung, dass die Produktivität von Mitarbeitenden in der Produktion pro Stunde stark sank, wenn eine Person über 50 Stunden pro Woche arbeitete. Nach 55 Stunden war sie derart auf dem Tiefpunkt, dass jede weitere Stunde wenig brachte. Jemand, der 70 Stunden schuftete, war daher nicht produktiver als jemand, der 55 Stunden arbeitete.
Jüngere Studien aus Europa und Deutschland zur viel diskutierten Vier-Tage-Woche deuten in die Richtung, dass auch moderate Arbeitszeitverkürzungen positiv auf Leistung und Produktivität einwirken können. Dabei ist die Vier-Tage-Woche ein Konzept, das höchst unterschiedlich ausgelegt werden kann. Von der anteiligen Reduktion der Arbeitszeit auf vier Tage bei gleichem Gehalt über die anteilige Reduktion der Arbeitszeit bei geringerem Gehalt bis hin zur Beibehaltung der Gesamtarbeitszeit und deren Verteilung auf vier statt fünf Tage bei gleichem Gehalt, ist alles Mögliche dabei. Durch diesen Variantenreichtum ist ein abschließendes Fazit aktuell wissenschaftlich nicht möglich. Doch deuten nicht wenige Erhebungen tendenziell darauf hin, dass eine verbesserte physische und psychologische Gesundheit dank Vier-Tage-Woche durchaus positiv auf die Leistung und Produktivität wirken kann. Wichtig jedoch: Es handelt sich dabei nicht um einen Automatismus, darauf deutet die Evidenz hin. So wenig wie „Mehr Arbeitszeit gleich mehr Produktivität“ unisono greift, so wenig gilt auch „Weniger (oder flexiblere) Arbeitszeit gleich mehr Produktivität“. Verschiedene andere Faktoren müssen dabei stets ebenfalls berücksichtigt werden. So ist gerade die Vier-Tage-Woche nicht für alle Mitarbeitenden passend. Vor allem aber macht sie es erforderlich, dass Arbeitsprozesse und die interne Organisation ebenfalls verändert werden. Nur so können bei anteilig weniger Arbeitszeit die Leistung und Produktivität beibehalten und im besten Fall sogar gesteigert werden.
Viele der Mahner, die aktuell nach menschlicher Mehrarbeit rufen, blenden komplett aus, dass große Leistungs- und Produktivitätsgewinne in der Wirtschaftsgeschichte nicht etwa durch mehr Arbeit, sondern durch technologischen Fortschritt zustande kamen. Aktuelles Stichwort: künstliche Intelligenz. Sie besitzt nachweislich das Potenzial, die Produktivität vieler Tätigkeiten zu steigern. Wobei auch hier gilt: Ob daraus tatsächlich eine höhere Wertschöpfung resultiert, vielleicht sogar mit kürzeren Arbeitszeiten, hängt von der konkreten Implementierung, den organisatorischen Rahmenbedingungen und weiteren Faktoren ab.
„Die Annahme, dass eine Erhöhung der Arbeitszeit automatisch zu mehr Leistung und mehr Produktivität führt, wird der Komplexität des Themas nicht gerecht. Ob überhaupt und wie sich mehr geleistete Arbeitsstunden auswirken – sowohl auf organisationaler wie auf volkswirtschaftlicher Ebene –, hängt von zahlreichen Einflussfaktoren und Rahmenbedingungen ab.“
Zusammenfassend zeigt sich: Die alleinige Betrachtung eines Faktors – sei es Arbeitszeit oder künstliche Intelligenz – ist nicht zielführend. Und die Annahme, dass eine Erhöhung der Arbeitszeit automatisch zu mehr Leistung und mehr Produktivität führt, wird der Komplexität des Themas nicht annähernd gerecht. Ob und wie sich mehr geleistete Arbeitsstunden auswirken – sowohl auf organisationaler wie auf ökonomischer Ebene –, hängt von zahlreichen Einflussfaktoren und Rahmenbedingungen ab. Für die Produktivität je Arbeitsstunde auf individueller Ebene zählen dabei vor allem Faktoren wie Motivation, Führung, Empowerment und Arbeitsgestaltung. Auf ökonomischer Ebene gilt: Natürlich kann es sinnvoll sein, mehr Menschen in Beschäftigung – und auch Vollzeitbeschäftigung – zu bringen und so die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden zu erhöhen. Doch auch dafür sind die Rahmenbedingungen das eigentlich Entscheidende. Etwa Unterstützung für Eltern und Menschen mit pflegebedürftigen Angehörigen. Qualifikation. Und die richtigen finanziellen Anreize, damit sich Mehrarbeit lohnt. Die politische Forderung nach mehr Arbeit mag daher gut gemeint sein, doch ist sie wissenschaftlich gesehen naiv.
Der Autor: Dr. Simon Werther ist Professor für Leadership an der Fakultät für Tourismus der Hochschule München. Der promovierte Diplom-Psychologe beschäftigt sich in der Forschungsgruppe New Work mit moderner Führung, flexibilisierten Arbeitswelten und New Work in all seinen Facetten von Coworking über Service-Roboter bis hin zu People Analytics, künstlicher Intelligenz und Workation. Werther ist zudem Mitgründer und wissenschaftlicher Beirat des Softwareunternehmens HRinstruments und als Keynote Speaker, Senior Berater und Moderator tätig. Kontakt: tourismus.hm.edu/kontakte_de/phonebook_detailseite_47769.de.html
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