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Beitrag von Henning Beck aus managerSeminare 337, April 2026
Neulich lief ich über einen Spielplatz in meiner früheren Heimatstadt in Südhessen. Was mir dabei sofort auffiel: Der Spielplatzboden war wunderbar weich, wie ein wohliges Kissen aus Schaumstoff. Das war zu meiner Kinderzeit noch anders: Wir hangelten uns über Eisengerüste und fielen dann auf einen Boden aus Rindenmulch.
Natürlich sind Spielplätze heute genormt – durch die DIN EN 1176, die die Sicherheit von Spielplatzgeräten und -böden regelt. Bis ins kleinste Detail wird für Schutz gesorgt: von der „lotrechten Gesamtlast der Nutzer für Spielplätze“ bis zur Vorschrift für „sicherheitstechnische Anforderungen und Prüfverfahren für Rutschen“. Das ist sicherlich gut gedacht – aber nicht gut umgesetzt. Die norwegische Psychologin Ellen Sandseter würde wahrscheinlich nur den Kopf über solche gut gemeinten Sicherheitsmaßnahmen schütteln. Sie hatte schon vor Jahren untersucht, wie sich Kinder im Spiel verhalten. Ergebnis: Kinder suchen ganz bewusst Gefahren, um sie im Spiel zu meistern („Risky Play“). Der Grund ist naheliegend: Nur indem man sich einer gefährlichen Situation aussetzt, lernt man sie zu meistern. Spielplätze sind ein Trainingslager, um sich selbst einzuschätzen. Ein Spielplatz ohne Risiko fördert jedoch genau diese wichtige Widerstandsfähigkeit nicht.
Wer lernen will, Grenzen zu überschreiten, muss wissen, wo diese Grenzen liegen. Das bedeutet aber auch, diese Grenzen auszutesten. Dafür muss man Menschen wiederum auch zumuten, mit Widrigkeiten umzugehen. Genau das stellt man fest, wenn man untersucht, in welchem Umfeld Menschen am besten lernen. Macht man es ihnen zu einfach, zum Beispiel indem man Inhalte einfach nur wiederholt und in einem Multiple Choice abfragt, haben sie zwar das Gefühl, etwas gelernt zu haben – aber das täuscht. „Illusion of Fluency“ nennt sich das trügerische Phänomen, dass man glaubt, etwas verstanden zu haben, nur weil man es schnell und ohne Hindernisse abgearbeitet hat. Ähnliches kennt man auch aus der Online-Welt: Je leichter man an Informationen kommt, desto wahrer erscheinen sie uns und desto kompetenter kommen wir uns selbst vor. Soll man im Internet nur Überschriften von Artikeln überfliegen, hält man sich für gebildeter als diejenigen, die diese Artikel tatsächlich durchgelesen haben. Kein Wunder, denn ohne Widerspruch hält man sich irgendwann immer für den Schlauesten.
Ein gutes Trainingslager fürs Denken hält immer auch Widerstände und potenzielle Gefahren bereit: dass man nämlich mit seinem Wissen auf die Nase fallen könnte. Gerade in der Bildung darf man es sich selbst und anderen nicht zu einfach machen. Man muss aktiv nach Widersprüchen suchen – oder das Scheitern aktiv einkalkulieren. Eine der besten Methoden dafür ist es, sich immer wieder zu testen. Man fängt mit einfachen Testfragen an (die man sich übrigens recht leicht durch KI erstellen lassen kann) und steigert den Schwierigkeitsgrad. Als würde man sich an einem Klettergerüst immer weiter vorwagen. Am wichtigsten ist, dass man irgendwann im Test „runterfällt“, sprich: etwas falsch beantwortet. Denn nur so erkennt man, was man noch nicht verstanden hat. Nebenbei trainiert man übrigens noch ein bisschen Frustrationstoleranz. Das kann nämlich nie schaden, wenn man später mal auf wirklich knifflige Probleme trifft. Wer dann gelernt hat, wieder aufzustehen, wird immer erfolgreicher sein als derjenige, der nie hingefallen ist.
Der Autor: Henning Beck ist Neurowissenschaftler, und zwar einer der verständlichen. In Vorträgen und Seminaren vermittelt er die spannenden Themen des Gehirns. Sein aktuelles Buch heißt „Besser denken –Fokussieren, Verstehen, Entscheiden“. Kontakt: henning-beck.com
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