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Beitrag von Henning Beck aus managerSeminare 340, Juli 2026
Wenn man durch die Cafés in San Francisco oder Berkeley spaziert, hört man an jedem zweiten Tisch den Pitch für das nächste große Ding. Der Zauber des Anfangens, hier ist er mit den Händen zu greifen. Die kalifornische Innovationskultur ist legendär und hat uns gelehrt, dass man „einfach mal machen“ muss: endlich anfangen, einfach mal loslegen. Eine zupackende Startup-Kultur, Gründergeist – das haben wir mantraartig jahrelang nachgepredigt. Schluss mit dem Bedenkentragen, jetzt wird durchgestartet! Doch was wir dabei vergessen: Anfangen ist leicht, Durchziehen weniger. Nur echte Champions können die Dinge auch erfolgreich zu Ende bringen. An Ideen mangelt es meist nicht, oft scheitert es hingegen daran, dass der Biss fehlt, Projekte auch wirklich zu finalisieren.
Wir leben in einer Welt, in der das Anfangen extrem leicht geworden ist. Im Grunde fangen wir ständig irgendwelche Sachen an, wenn wir auf unseren Smartphones Apps aufmachen, zwischen verschiedenen Tasks hin und her springen, weil irgendeine Aufgabe um unsere Aufmerksamkeit buhlt. Wir trainieren hingegen weniger, wie man Dinge auch nachhaltig ins Ziel führt. Wer kennt sie nicht: die Hunderte von Tabs in einem Browser, alle nacheinander geöffnet, aber nicht geschlossen, weil man sie ja noch brauchen könnte. Dutzende gestartete Apps, die gleichzeitig auf unserem Smartphone laufen, weil man erstens den Punkt verpasst, an dem man mit einer Aufgabe abschließen könnte, und es zweitens so bequem ist, alle Apps offen zu lassen. Wir prokrastinieren uns zu Tode, weil wir verlernen, die Dinge auch mal abzuschließen.
„Implementation Intentions“, Durchführungsabsichten, nennt man in der Wissenschaft die Fähigkeit, bloße Motivation auch erfolgreich umzusetzen. Im Alltag sind es oft einfache „Wenn-dann“-Strategien: Wenn ich X erledigt habe, mache ich Y. Der psychologische Vorteil: Man denkt zielorientiert und arbeitet sich Stück für Stück zum Ziel voran. Als „Rubikon-Strategie“ ist diese Denkweise bekannt, weil man seinen mentalen Rubikon ständig überschreitet und nach vorne marschiert. Tatsächlich ist man nicht nur im Privatleben, sondern auch als Unternehmensgründer erfolgreicher, wenn man sich vornimmt, Dinge nach dieser Methode zu erreichen und dann final zu beenden, anstatt bloß motiviert loszulegen. Ich habe Lebensläufe gesehen, in denen man sich seiner vielen gestarteten Projekte rühmt und mindestens fünf verschiedene Unternehmen gegründet hat. Das ist toll – doch echte Nachhaltigkeit bedeutet nicht, dass man anfängt, sondern Dinge beenden kann.
„Hinten sind die Enten fett“, sagt ein altes Sprichwort aus dem Skat. Und was für Kartenspiele gilt, gilt erst recht für erfolgreiche Projekte. Vielleicht sollten wir unseren Fokus daher mehr auf das Ende legen, nicht so sehr auf den Start. Wenn es heute so einfach geworden ist, schon im Kleinen ständig neu zu beginnen, sollten wir nicht vergessen, dass Erfolg nicht zu Beginn, sondern am Ende entsteht. In Kalifornien ist das übrigens das eigentliche Geheimnis der Startup-Kultur: Es zählt nicht der erste Pitch, sondern die finale Idee. Man fragt auch nicht danach, welche Projekte man erfolgreich gestartet, sondern welche man erfolgreich beendet hat. Eine tolle Frage für ein Bewerbungsgespräch übrigens. Denn je einfacher es für uns wird, Dinge zu beginnen, desto wertvoller und seltener wird die Fähigkeit, die Dinge auch durchzuziehen.
Der Autor: Henning Beck ist Neurowissenschaftler, und zwar einer der verständlichen. In Vorträgen und Seminaren vermittelt er die spannenden Themen des Gehirns. Sein aktuelles Buch heißt „Besser denken –Fokussieren, Verstehen, Entscheiden“. Kontakt: henning-beck.com
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