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Modern Work Tour 2022/2023 – Etappe 2
Modern Work Tour 2022/2023 – Etappe 2

Sinnorientiert arbeiten in Uruguay

Wie wird eigentlich weltweit modern gearbeitet? Mit dieser Frage sind Anna und Nils Schnell wieder unterwegs. Das Hamburger Unternehmerpaar setzt seine Reise zu innovativen Unternehmen rund um die Welt fort. Ihr zweiter Bericht kommt aus Brasiliens Süden und aus Montevideo, wo sie ein Unternehmen kennengelernt haben, bei dem sich vor allem Frauen auf IT-Stellen bewerben – und zwar ziemlich viele.

Wir sind schon auf dem Sprung nach Uruguay, machen zuvor aber noch kurz Station im brasilianischen Porto Alegre. Porto Alegre bedeutet im Portugiesischen „Fröhlicher Hafen“ und steht für Lebenslust, mediterranes Flair und vor allem Barbecue. Alle Menschen, die wir in São Paulo fragen, sagen dasselbe: „In Porto Alegre müsst ihr unbedingt Barbecue essen!“, und angeblich macht man das am besten auf dem Mercado de Publico de Porto Alegre. Doch das ist nicht der einzige Ruf, der der Stadt vorauseilt, denn auch ein Unternehmen bei Porto Alegre ist in aller Munde. In São Paulo beginnen die Augen zu leuchten, wenn wir berichten, dass die Stadt am Wasser unsere nächste Station ist. „Dann müsst ihr unbedingt Dobra besuchen!“, hören wir mehrfach.

Bei Dobra betreibt man Zykluswirtschaft

Lustigerweise haben wir bereits Kontakt zu dem bekannten Familienbetrieb aufgenommen und werden sogar von einem der Gründer persönlich abgeholt und zum Headquarter in Montenegro gefahren. Ein Service der besonderen Art, denn so lernen wir Dobras Philosophie bereits im Auto kennen. Gegründet hat das Unternehmen Eduardo, der von allen liebevoll Dudu genannt wird, mit seinen beiden Cousins Augusto und Guilherme. Die Produktionsstätte liegt ca. 30 Minuten Autofahrt entfernt von Porto Alegre auf dem Grundstück des gemeinsamen Großvaters. Das ist bezeichnend für Dobra, denn mit dem Motto „Act local, inspire global“ unterstützt das Unternehmen, das seine Produkte weltweit vertreibt, bewusst die Gemeinschaft vor Ort.

Als wir den Eingangsbereich passieren, sehen wir einen Glaskasten, in dem ein Gegenstand wie ein historisches Artefakt oder ein Diamant ausgestellt und gewürdigt wird: Es ist der erste von vielen Kartenhaltern, die das Unternehmen ehemals produziert hat. Dobra hat nämlich die Kunst perfektioniert, sich bewusst von alten Produkten zu verabschieden. Das finden wir bemerkenswert, denn: Häufig fällt es Unternehmen schwer, Produkte oder Linien abzustoßen, mit denen sie einstmals erfolgreich geworden sind. Dobra sieht diese Loslösung jedoch ganz entspannt als einen Teil des natürlichen Zyklus des Unternehmens an, in dem Produkte nun mal kommen und gehen, erklärt uns Eduardo.

Gleichzeitig ist das Unternehmen stark nachhaltig orientiert, ja es hat sogar seinen Anfang mit einem Studienprojekt zum Thema „Nachhaltiges Wirtschaften“ genommen. Damals hatten die Gründer die Idee einer besonderen Falt-Technik, die sich bis heute in zahlreichen Produkten des Unternehmens wiederfindet. Auf das erste Produkt, den Kartenhalter, folgten Portemonnaies, Tablet-, Notebook- und Dokumenten-Hüllen, Brillenetuis und Schuhe.

Heute gilt Dobra in der Bekleidungs- und Modeindustrie als ein Unternehmen, dem es an Humor und Kreativität nicht mangelt. Auf Linkedin findet man das Firmen-Maskottchen „Batman“: einen frechen Mops – als CEO aufgeführt –, mit dem man sich vernetzen kann. Spielerisch und experimentell holt sich der Betrieb auch laufend Kundenmeinungen ein, um stets auf deren Bedarfe reagieren können. Agilität hoch zehn. Dobras Produkte sind nachhaltig in Brasilien hergestellt. Die Firma beschäftigt Näherinnen aus der Gegend und bezahlt bis zu dreimal über dem durchschnittlichen Gehalt auf dem Markt. Die Produktion erfolgt komplett „on demand“, sodass kein Überschuss produziert wird. Kundinnen und Kunden haben außerdem die Möglichkeit, ihre abgenutzten Produkte zurückzusenden. So erhalten sie eine Ermäßigung für den Kauf eines neuen Produktes. Damit zeigt Dobra, dass ein nachhaltiger Zyklus von der Idee über die Produktion bis hin zur Entsorgung beziehungsweise zum Recycling der Produkte möglich ist. Dieses Prinzip moderner Arbeit haben wir bereits in vielen Ländern dieser Erde, etwa in der Mongolei, erlebt (siehe auch: www.managerseminare.de/MS265AR03).

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Eine IT-Akademie in Montevideo stellt gezielt Frauen ein

Nach unserem Besuch bei Dobra kehren wir Brasilien endgültig den Rücken und reisen weiter nach Uruguay. Das Land wirkt zwischen seinen beiden gigantischen Nachbarstaaten Argentinien und Brasilien fast unscheinbar, muss sich aber gar nicht verstecken. Seine Hauptstadt Montevideo ist mit 1,5 Millionen Einwohnern recht überschaubar und gilt als die sicherste Hauptstadt Südamerikas: keine negativen Schlagzeilen, keine Gewalttaten und die stabilste Demokratie auf dem Kontinent. Vielleicht ist das komplett Unspektakuläre aber auch ein Grund dafür, warum zum Beispiel Montevideo – zwischen São Paulo und Buenos Aires gelegen – nicht wirklich auf dem Radar auftaucht.

Wer genau hinschaut, entdeckt aber durchaus Erstaunliches – und wird von der Stabilität, Souveränität und Herzlichkeit in der Stadt positiv überrascht. Dabei ist Montevideo kein Geheimtipp, sondern vielmehr ein noch versteckter Diamant: Internationale Unternehmen wie BASF oder Hamburg Süd schlagen hier ihre Lager auf und werden mit steuerfreundlichen Zonen, einer guten Infrastruktur und gut ausgebildetem Personal belohnt. Auch wir als Reisende erleben einige Vorteile, so wird beispielsweise die Zahlung per Kreditkarte in Uruguay in der Hauptsaison von Oktober bis März honoriert. Ein klein wenig fühlen wir uns an Kigali, die Hauptstadt von Ruanda, erinnert, die das „Singapur Afrikas“ werden will. Auch in Montevideo scheint es einige Ambitionen in dieser Hinsicht zu geben, wenn man sich die Erleichterungen und Steuervorteile fürs Business anschaut.

Wie in nahezu allen südamerikanischen Ländern wächst die IT-Branche auch in Uruguay am schnellsten. Es ist daher nicht verwunderlich, dass Coding-Schulen wie Pilze aus dem Boden schießen und einen größer werdenden Bedarf zu decken versuchen. Denn auch die Nachfrage nach Entwicklerinnen und Entwicklern ist hoch. Wie bei uns sind Frauen in den MINT-Berufen allerdings auch in Lateinamerika noch unterrepräsentiert, was angesichts des ebenfalls hier herrschenden Fachkräftemangels Handlungsbedarf auslöst.

Diesen Bedarf sahen auch Jacky – Jackeline Roman – und Lu – Lucía Peralta – von der Hack Academy. Die Head of People und die Marketing Lead haben sich ganz auf das Recruiting und die Ausbildung von weiblichen Entwicklerinnen spezialisiert. Dafür mussten sie jedoch zunächst selbst durch eine harte Schule gehen: Ihre Stellenausschreibungen für Lehrkräfte in der IT lockten zunächst nur männliche Kandidaten an. Ein ernüchterndes und enttäuschendes Ergebnis für das junge Team, das seinen Schülerinnen bewusst insbesondere weibliche Vorbilder und Mentoren zur Seite stellen wollte.

Die Modern Work Tour

Auf ihrer modernen Walz sind das New-Work-Unternehmerpaar Anna und Nils Schnell (Beratungsfirma MOWOMIND) bereits durch 38 Länder gereist und haben in mehr als 150 Treffen mit Vordenkern und Vordenkerinnen der Zukunft der Arbeit gesprochen. Daraus haben sie neun internationale „Modern-Work-Prinzipien“ abgeleitet, die sie in ihrem bei Gabal erschienenen Buch „Die Modern Work Tour – Eine Reise in die Zukunft unserer Arbeit“ näher beschreiben. Erste Unternehmensbeispiele aus Rio de Janeiro und São Paulo stellten die beiden bereits in der vorigen Ausgabe von managerSeminare (www.managerseminare.de/ms_Artikel/,283192) vor.

Das Blatt wendete sich erst, als Jacky und Lu die Stellenausschreibungen gezielt veränderten. Zum einen fragten sie ganz offensichtlich gezielt nach weiblichen Lehrkräften. Durch diese Konkretisierung fühlten sich Frauen explizit angesprochen und erhielten den Eindruck, geeignet für diese Stelle zu sein. (In ihren Zweifeln, wirklich gemeint zu sein, unterscheiden sich weibliche und männliche Bewerber bekanntlich häufig – wobei Männer im Schnitt eine optimistischere Selbsteinschätzung haben und sich daher oft eher um eine Stelle bemühen als Frauen, wie auch Studien zeigen.)

Stellenausschreibungen wurden sinnorientiert formuliert

Zum anderen stellen Jacky und Lu das „Warum“ à la Simon Sinek und dessen „Golden Circle“ in den Vordergrund der Stellenausschreibung. Das heißt, sie adressierten darin ganz klar den Sinn: Ich möchte diese Arbeit machen, um Frauen, die Coderin werden wollen, weiter zu bestärken und für diesen Berufszweig zu ermutigen. Dies regte offenbar tatsächlich in Frauen die Idee an, positiven Einfluss nehmen zu können und dauerhaft etwas an der Situation ihrer Geschlechtsgenossinnen zu verändern. Jedenfalls konnten Jacky und Lu, seit sie das neue Prinzip umgesetzt hatten, über einen Mangel an weiblichem Zustrom nicht mehr klagen: Ihre offenen Stellen waren innerhalb kurzer Zeit mit hervorragenden Kandidatinnen besetzt, erzählen sie uns. Ein gutes Beispiel für durchdachte Recruiting-Strategien, die moderne Erkenntnisse aufgreifen und nutzen, denken wir.

Die nächsten Halts auf der Modern Work Tour sind Argentinien und Chile, mehr zu unseren Begegnungen mit fortschrittlichen Firmen im nächsten Heft.

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