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Beitrag von Martin-Niels Däfler aus managerSeminare 337, April 2026
Kognitiver Kompass: Warum in den aktuell herausfordernden Zeiten Gelassenheit wichtiger denn je ist
Gefangen im Gestern: Wie uns vergangene Ereignisse unnötig Gelassenheit rauben
Sinnlose Sorgen: Warum unsere düsteren Erwartungen fast nie eintreffen
Fundamentale Fehlinterpretation: Warum wir anderen Menschen oft fälschlicherweise böse Absichten unterstellen
Hier geht es zur gesamten Ausgabe managerSeminare 337
Stell dir vor, du bist ärztliche Psychotherapeutin oder Psychotherapeut, und unsere Gesellschaft kommt in deine Praxis. Sie erzählt dir von dem enormen Veränderungsdruck, unter dem sie steht, und wie der Durchbruch der generativen KI auch noch die letzten Konstanten in ihrem Leben hinweggefegt hat. Sie berichtet von ihren finanziellen Sorgen und davon, wie (unerfüllbare) Erwartungen an sich selbst und die permanente Angst, etwas zu verpassen (FOMO – „Fear of Missing out“), ihr zu schaffen machen. Sie fühlt sich gehetzt, gestresst, erschöpft. Bevor du in die therapeutische Arbeit mit ihr einsteigst, hast du die Möglichkeit, ihr eine Sache zu verschreiben, die sie dann auch sofort erhält. Das kann alles sein, was du dir vorstellen kannst, aber eben nur eine Sache. Was würdest du aufs Rezept schreiben?
Ich an deiner Stelle müsste über diese Frage keine Sekunde nachdenken: Gelassenheit. Denn Gelassenheit ist meiner Meinung nach genau das, was wir in dieser herausfordernden, krisenhaften Zeit am dringendsten benötigen, das, was vor allem fehlt. Wenn ich das in Gesprächen oder Vorträgen äußere, ernte ich oft erst einmal kritische Blicke, was vor allem an einem verbreiteten Missverständnis liegt. Gelassenheit wird oft mit Gleichgültigkeit gleichgesetzt, die zu Passivität führt. Tatsächlich ist Gelassenheit jedoch eine – man könnte sagen – höchst „aktive“ Eigenschaft, die nicht Nicht-Handeln initiiert, sondern eine andere Art des Handelns und auch Denkens – und zwar in der Regel eine weit bessere.
Im Stresszustand ist der Körper geflutet mit Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol. Diese Stresshormone verleihen uns kurzfristig Kraft und Energie, schränken gleichzeitig jedoch unsere kognitive Leistungsfähigkeit ein. Unser Fokus wird enger, es fällt uns schwerer, komplexe Zusammenhänge zu erfassen, Argumente abzuwägen oder gedankliche Schritte zu planen. In der Folge treffen wir nicht nur schlechtere Entscheidungen, sondern verstricken uns auch leicht in kruden Vorstellungen und entwickeln abwegige (bedrohliche) Erwartungen. All das verstärkt wiederum unser Stressempfinden, wodurch unsere kognitive Leistungsfähigkeit noch weiter eingeschränkt wird und so weiter. Eine Stress-Spirale entsteht, die sich immer schneller dreht.