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Beitrag von Martin Wehrle aus managerSeminare 341, August 2026
Typisches Bild vor einer schwierigen Entscheidung: Eine Führungskraft sitzt allein am Schreibtisch, klickt sich durch Zahlen und dreht Gedankenschleifen. Eine Restrukturierung steht an, das Budget muss runter oder ein Projekt wird gestoppt. Eigentlich ist klar, was sachlich richtig wäre – aber etwas bremst innerlich. Der Grund ist selten die Entscheidung selbst, sondern das unsichtbare Stimmengewirr drumherum. Der Geschäftsführer will „bitte keine Unruhe im Haus“. Die HR-Leitung sagt: „Bitte niemanden verlieren, wir haben sowieso schon Fluktuation.“ Die Teamleitung fordert: „Unser Bereich darf nicht den Preis zahlen.“ Und privat kommt vielleicht noch: „Du arbeitest schon wieder bis spät, das kann so nicht weitergehen.“ Ergebnis: Man hängt zwischen all diesen Erwartungen fest und traut sich kaum, eine Richtung festzulegen.
An diesem Punkt setzt die „Forderungs-Talkshow“ an. Die Idee: Wir tun so, als wäre unsere Entscheidung Thema einer Talkshow – und wir sind der Redakteur, der die Gäste einlädt. Erste Frage: Wer sitzt alles im Studio? Zum Beispiel der CFO, der sagt: „Wir müssen hier zehn Prozent sparen, egal wie.“ Die Teamleiterin, die sagt: „Bitte nicht bei uns kürzen, wir sind schon am Limit.“ Ein wichtiger Kunde, der indirekt fordert: „Egal, was ihr intern macht, unsere Lieferung darf nicht leiden.“ Oder auch privat: „Ich brauche dich dieses Wochenende mal wirklich frei.“ Alle kommen auf eine Liste, ganz ohne Filter.
Dann wird es spannend. Wir gehen jeden Gast einzeln durch und fragen uns: Was genau will diese Person von mir? Und wie klingt das konkret? Oft wird aus einem diffusen Gefühl plötzlich eine klare „Forderung“. Beispiel: Der Geschäftsführer wird innerlich zu „Mach es leise, ohne große Wellen“. Die Teamleitung wird zu „Fass unser Team nicht an“. Der Kunde zu „Liefere termingerecht, auch wenn intern alle leiden“. Und privat vielleicht zu „Sei präsent, nicht dauernd im Arbeitsmodus“. Wichtig: Auch Vermutungen gehören erst mal dazu – selbst wenn niemand das so je wortwörtlich gesagt hat.
Dann kommt der zweite Schritt: Sortieren und überprüfen. Wir fragen uns bei jeder Forderung: Weiß ich das wirklich – oder denke ich mir das nur? Hat der Chef wirklich gesagt „keine Kündigungen“, oder interpretiere ich seine Vorsicht so? Und noch wichtiger: Welche dieser Forderungen sind überhaupt vereinbar? Oft merkt man schnell: Einige widersprechen sich komplett. Sparen und niemanden belasten und alles wie gewohnt liefern geht eben nicht gleichzeitig.
Wenn das einmal sichtbar ist, verändert sich etwas Entscheidendes: Der Druck wird greifbar statt diffus. Und damit auch handhabbar. Wir können bewusst entscheiden: Diese Erwartungen erfülle ich, diese nicht vollständig, was ich in einem Gespräch (er)klären werde. So kommen wir wieder ins Handeln. Entscheidungen fühlen sich nicht mehr an wie ein Drahtseilakt zwischen gefühlten Ansprüchen, sondern wie eine bewusste Priorisierung. Wenn wir aufhören, Erwartungen zu raten, und sie stattdessen offen sortieren, liegt die richtige Entscheidung oft auf der Hand.
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