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Beitrag von Franz Strukelj im Interview mit Nicole Bußmann aus managerSeminare 339, Juni 2026
Herr Strukelj, welchen Einfluss hat KI Ihrer Ansicht nach auf das Lernen in Organisationen?
Franz Strukelj: Wir stehen an einem Punkt, an dem die Technologie die Art verändert, wie wir leben, arbeiten und denken. Das Problem ist jedoch: Wir pressen das Neue oft noch in die Formen des Alten. Das heißt, wir produzieren Kurse oder Lernvideos lediglich schneller und vermessen Skills präziser, ohne die grundlegende Richtung zu hinterfragen. Dabei erhöht KI die Geschwindigkeit des Wandels noch mal massiv. Bis 2030 werden sich rund 40 Prozent der bestehenden Skills verändern. Gleichzeitig entstehen weltweit 170 Millionen neue Jobs, während knapp 92 Millionen verdrängt werden. Das ist kein normaler Weiterbildungszyklus mehr, sondern ein Umbau des gesamten Arbeitsmarktes.
Wo liegt die Gefahr, wenn wir die KI vor allem nutzen, um bestehende Lerninhalte effizienter zu vermitteln?
Die Gefahr liegt in unserem bisherigen Verständnis von Bildung als reine Anpassungsleistung. Wir neigen dazu, menschliche Arbeit detailliert zu beschreiben, sie in kleine Teilschritte zu zerlegen und diese dann trainierbar zu machen. Doch so bilden wir Menschen paradoxerweise dafür aus, ersetzt zu werden. In der Forschung wird das als „Turing-Falle“ bezeichnet: Jeder Skill, den wir isoliert beschreiben, katalogisieren und ausbilden, kann zur Blaupause seiner eigenen Automatisierung werden. Denn alles, was wir präzise in Teilschritte zerlegen können, kann zunehmend automatisiert werden, eine Maschine kann es oft besser und effizienter als der Mensch.
Intelligenz ist kein rein individuelles Attribut mehr, sondern ein Systemphänomen. Denken findet heute in einem Zusammenspiel aus Menschen, Maschinen, Modellen und Daten statt. Wir verlieren damit das Zentrum des Denkens als rein menschliche Domäne.
Wie müsste (Weiter-)Bildung stattdessen aussehen?
Wir müssen den Fokus von der reinen Automatisierung zur Augmentation verschieben. Während Automatisierung lediglich menschliche Arbeit kopiert, um Kosten zu sparen, eröffnet Augmentation einen offenen Raum für völlig neue Fähigkeiten. Dafür müssen wir anerkennen, dass Intelligenz kein rein individuelles Attribut ist, sondern ein Systemphänomen. Denken findet heute in einem Zusammenspiel aus Menschen, Maschinen, Modellen und Daten statt. Wir verlieren damit das Zentrum des Denkens als rein menschliche Domäne. In der Konsequenz müssen wir eine neue Landkarte der Arbeit zeichnen. Es geht nicht mehr nur um individuelle Skills, sondern um die Fähigkeit zur Augmentation – also um das Erzeugen von Kategorien der Problemlösung, die für das Gehirn allein buchstäblich undenkbar wären.
Vom 5. bis 7. Mai fand die 33. Learntec in Karlsruhe statt. Insgesamt fanden circa 11.000 Besuchende den Weg in die Messehallen und zu den circa 340 ausstellenden Unternehmen, deutlich weniger als in den Vorjahren, was die Messe mit einem Rückgang im schulischen Bereich erklärte. Die Nachfrage nach unternehmensnahmen Lernen sei nach wie vor hoch.
2027 kehrt die Messe vom Frühsommer auf Wunsch der Ausstellenden in den Februar zurück und damit auf den Termin, den sie vor der Corona-Pandemie besetzte: 2. bis zum 4. Februar 2027. So will sie sich wieder als erster Branchentreff zu Jahresbeginn positionieren.
Wenn Intelligenz ein Systemphänomen ist, wer ist dann künftig das Zielobjekt von Personalentwicklung? Der Mensch, die Technik, beides?
Es ist beides. Unsere Bildungsaufgabe erweitert sich massiv: Wir werden in Zukunft nicht mehr nur den Menschen qualifizieren, sondern auch die Maschine – natürlich nicht im menschlichen Sinn, sondern durch Daten, Feedback, Training, Validierung und Kontext. Das Ziel ist ein lernendes Gesamtsystem, in dem Mensch und Maschine kontinuierlich voneinander lernen. Wir müssen uns fragen: Wie arbeiten beide zusammen? Und wie erzeugen sie gemeinsam Wertschöpfung? Es geht also nicht mehr um statische Skill-Listen für Individuen, sondern um die Kompetenzen des gesamten Mensch-Maschine-Systems. Auf der einen Seite muss der Mensch das System formen, indem er die Urteilskraft besitzt, bei Unsicherheiten einzuspringen und ethische Leitplanken zu setzen. Auf der anderen Seite verstärkt die Maschine den Menschen, was Fähigkeiten wie das „Befragen der Maschine“ auf verschiedenen Abstraktionsebenen erfordert.
Was bedeutet diese Entwicklung für die Führung und die Rolle von L&D?
Führungskräfte müssen die „JaggedFrontier“ lesen können – also die sich ständig verschiebende Grenze zwischen menschlicher und maschineller Leistungsfähigkeit. Sie müssen permanent analysieren, wo die Grenze verläuft und wie sie sich verschiebt. L&D bzw. die Führungskräfte müssen hybride Teams orchestrieren, also Teams aus Menschen und KI-Agenten, und die Lernverantwortung für beide Seiten übernehmen. Dabei geht es nicht mehr darum, bestehende Prozesse nur zu optimieren, sondern die Arbeit vom gewünschten Ergebnis (Outcome) her völlig neu zu konfigurieren. Letztlich entscheidet die Führung, ob wir Technik nur zur Kostensenkung nutzen oder den Raum der Augmentation betreten, um völlig neue Möglichkeiten der Wertschöpfung zu schaffen.
Zum Abschluss ein Blick in die Praxis: Wie löst Volkswagen konkret diese komplexe Qualifizierungsaufgabe?
Wir übersetzen diese neue Logik derzeit Schritt für Schritt in konkrete Strukturen und Anwendungsfelder. Der entscheidende Hebel ist unser „Skillhub“, eine dynamische Ontologie, die Skills nicht als isolierte Einträge, sondern als Teil eines Netzwerkes abbildet. Durch die Auswertung von rund 3,8 Milliarden Datenpunkten in Echtzeit – von Markt- und Branchendaten bis hin zu Technologie-Forecasts – machen wir sichtbar, welche Skills an Bedeutung gewinnen und wie sie sich zwischen Mensch und Maschine verschieben. Daraus lassen sich Perspektiven für künftige Rollen, Skill Cluster, Befähigungsbedarfe und mögliche Workforce- und Systemarchitekturen ableiten. Ein weiteres Element ist unser „Connected Learning Ecosystem“: Hier agieren wir nicht mehr als zentraler Gatekeeper, sondern bauen ein weltweites Netzwerk auf, in dem Wissen mit gemeinsamen Standards geteilt, ergänzt und international skalierbar gemacht werden kann. So stellen wir sicher, dass technologische Fortschritte, wie unsere KI-Agentensysteme in der Produktion, sofort in Qualifizierungsprogramme übersetzt werden können. L&D fungiert dabei als Architekt, der das „lernende Gesamtsystem“ kontinuierlich anpassungsfähig hält.
Der Interviewte: Franz Strukelj leitet seit Oktober 2024 die Volkswagen Group Academy und verantwortet damit die Bildung im gesamten Volkswagen-Konzern. Der diplomierte Wirtschaftsinformatiker bringt langjährige Erfahrung im Corporate Learning mit: Er leitete Bildungsabteilungen bei der Audi AG und FAW-VW in China, bevor er in der VW-Konzernzentrale die Themen Digitales Lernen und Bildungsstrategie verantwortete. Kontakt: franz.strukelj@volkswagen.de