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Beitrag von Anne M. Schüller aus managerSeminare 340, Juli 2026
Erkenntnis braucht Emotion: Warum nicht Zahlen, Daten, Fakten, sondern Narrationen Einsicht bringen
Geschichten mit Mehrwert: Wann aus Narrationen Narrative werden
Dysfunktionale Dynamiken: Wie sich in Organisationen negative Narrative ausbreiten können
Fakten schaffen und Geschichten erzählen: Was Führungskräfte tun können, um positiven Narrativen den Boden zu bereiten
Hier geht es zur gesamten Ausgabe managerSeminare 340
Ein Mitarbeiterjahresevent. Es geht um die Zukunft des Unternehmens. Auf der Agenda: eine Präsentation des Vorstands zur neuen Strategie. Die Folien: randvoll mit Zahlen, Daten und Fakten, die ab der dritten Reihe niemand mehr lesen kann. Der Sprachstil des Vorstands: dröge, kryptisch und sehr elitär. „Alles klar?“, fragt er zum Schluss. Die Anwesenden nicken teilnahmslos und schauen beiseite. Wer will schon sagen, dass er eigentlich gar nichts verstanden hat von seinem Kennziffernsalat und Buzzword-Geschwurbel? Der Firmenchef hat Schreckgespenster an die Wand gemalt und von einem Tal der Tränen gesprochen, um für die notwendige Transformation zu werben. Geschichten von einer guten Zukunft? Null. Was die Kunden und der Markt von den geplanten Veränderungen haben? Nicht ein Wort. Im Fokus hat der Vorstand dagegen allein die Finanzergebnisse, die das Unternehmen erreichen will. Weshalb die Mitarbeitenden sich dafür begeistern und ins Zeug legen sollen? Keine Ahnung.
Führungskräfte wie den zahlenverliebten Vorstand gab es schon immer. Manager, die am liebsten so unemotional wie möglich rüberkamen, Pokerface inklusive. In Zeiten Künstlicher Intelligenz, die Zahlen, Daten und Analysen in einem Tempo und einer Dichte ausspuckt, die menschliche Kapazitäten weit übersteigt, fühlt sich manche Führungskraft dieses Kalibers sogar mehr denn je dazu ermuntert, über KPIs, Reports und Co. führen zu wollen. Doch Menschen werden nicht von Zahlen berührt, nicht von Analysedaten bewegt, nicht durch Fakten zusammengeschweißt. Zahlen, Daten und Fakten sind Schwerstarbeit für das Gehirn. Wir verstehen sie zwar kognitiv, doch emotional erreichen sie uns nicht. Durch sie springt kein Funke über. Durch Emotionen dagegen sehr wohl. Sie sind der eigentliche Schlüssel, wenn es darum geht, Menschen für eine Erkenntnis zu öffnen, sie zu etwas zu bewegen, sie hinter einer Sache zu vereinen – gerade dann, wenn die Zeiten unsicher und ungewiss sind und Mitarbeitende nach Orientierung suchen.
Wer sich als Führungskraft hingegen auf seine Zahlenexpertise versteift, macht sich ersetzlich. Alles Analytische kann eine KI längst deutlich schneller. Und meistens auch besser. Deshalb ist es geradezu erstaunlich, wie betont nüchtern zahlreiche Führungskräfte immer noch wirken wollen, wie emotionsfeindlich sie sind – und wie empört viele darauf reagieren, wenn man ihnen mit der Anregung kommt, sterile Information in lebendige Geschichten zu verpacken. „Ich bin doch kein Märchenonkel“, heißt es dann gerne mal – in Unkenntnis einer wichtigen Tatsache: Emotionen sind nicht nur wichtig, um Menschen zu erreichen. Emotionen vermitteln sich auch besonders gut über Narration und Narrative. Was sich im Erzählerischen verdichtet, hat Vorfahrt im Kopf. Denn der Mensch ist ein Homo narrans. So sehr, dass er auf der Suche nach Kohärenz, Sinn und Sicherheit sogar bisweilen dazu neigt, aus Informationen und Daten eine schlüssige, kohärente Ursache-Wirkungsgeschichte zu stricken, selbst wenn da gar keine Kohärenz vorhanden ist.