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Beitrag von Constantin Gillies aus managerSeminare 338, Mai 2026
Rasante Entwicklung: Wie die Automatisierungspotenziale in der Arbeitswelt wachsen
Routinen, Urteilskraft und Verantwortung: Welche Aufgaben KI übernimmt und wo der Mensch wichtig bleibt
Kompetenzen 5.0: Wo Unternehmen bei der KI-Qualifizierung hinterherhängen
Nebenwirkungen managen: Welche neuen Führungsaufgaben sich im Kontext der neuen Mensch-Maschine-Konstellation auftun
Drei Stellhebel: Welche Weichen Organisationen für die Arbeitswelt 5.0 jetzt stellen sollten
Hier geht es zur gesamten Ausgabe managerSeminare 338
Jahrzehntelang war Personal extrem knapp. Doch plötzlich sorgt eine neue Technologie dafür, dass jede Arbeitskraft so viel schafft wie früher ein ganzes Team – und der Fachkräftemangel ist vorbei. Was nahezu fantastisch klingt, deutet sich bereits heute genauso an, zumindest in der Softwarebranche. Auslöser der Revolution ist ein KI-Programm namens Claude Code. Es erschafft selbst komplizierte Software „auf Zuruf“. Das heißt, der User schildert in natürlicher Sprache, was ein Programm können soll, und Claude generiert daraus das Programm. Eine Programmiersprache zu beherrschen, ist nicht mehr nötig. „Ich habe in den letzten fünf Tagen mehr Code produziert als in den fünf Jahren zuvor“, staunt ein erfahrener Programmierer auf X. Branchenkenner erwarten, dass dieser „Claude-Effekt“ den Arbeitsmarkt der Softwarebranche bald merklich entspannt.
Was dort passiert, könnte sich bald in vielen Industrien wiederholen: Menschliche Arbeit wird durch Maschinen „augmentiert“ und auf ein völlig neues Niveau gehoben. In Büros halten sogenannte KI-Agenten Einzug, die ganze Arbeitsabläufe ausführen und sogar begrenzt Entscheidungen treffen. In der Produktion übernehmen menschenähnliche Roboter, sogenannte Humanoide, immer mehr physische Tätigkeiten. So entstehen neue, stärker automatisierte Formen der Erwerbsarbeit – als typisches Kennzeichen der sogenannten Arbeitswelt 5.0. Über ihre Gestaltung machen sich Fachleute schon Gedanken. „Wir müssen die Verbindung von Technologie mit humanorientierter, ökologischer und produktiver – also wirtschaftlicher – Arbeit schaffen“, fordert Professor Sascha Stowasser, Direktor des Instituts für angewandte Arbeitswissenschaft (ifaa), Düsseldorf.
Noch ist der Begriff Arbeitswelt 5.0 allerdings relativ ungebräuchlich – und nicht klar definiert. Das Neue daran zeigt am besten ein Vergleich mit der Industrie 4.0, der vorherigen Evolutionsstufe der Wirtschaft: Bei diesem Konzept drehte sich alles um die Technik. Fertigungsanlagen sollten mit vernetzten Sensoren effektiver gemacht werden, man wollte Papierabläufe durch digitale Workflows ersetzen. Die Visionäre der Arbeitswelt 5.0 blicken weiter und fragen sich: Welche Rolle spielt künftig (noch) der Mensch? Welche seiner Fähigkeiten sind gefragt – und welche müssen hinzukommen?
KI wird in Unternehmen nicht sinnvoll genutzt werden, wenn den Mitarbeitenden KI-Werkzeuge und neue Workflows „von oben“ verordnet werden. Klüger ist es, die Belegschaft von vornherein in den Prozess der Implementierung und Gestaltung der zukünftigen Mensch-Maschine-Partnerschaft einzubeziehen. Folgende Aspekte sind dabei relevant:
Wie rasant die Mensch-Maschine-Arbeitsteilung entsteht, skizziert das McKinsey Global Institute in seinem neuen Report „Agents, robots, and us: Skill partnerships in the age of AI“. Der Report startet mit einer eindrucksvollen Zahl: 57 Prozent aller von Menschen geleisteten Arbeitsstunden könnten von Maschinen übernommen werden – mit heute verfügbaren Technologien. Das bedeute jedoch nicht, dass Jobs komplett automatisiert würden, betonen die Fachleute. Stattdessen werde sich in jeder Branche ein anderer Technologie-Anteil einpendeln:
In menschenzentrierten Jobs erledigen nach wie vor Personen aus Fleisch und Blut einen Großteil der Arbeit (Beispiele: Pflegepersonal, Feuerwehrleute, Psychologen). Diese Gruppe macht aktuell 34 Prozent der US-Erwerbsbevölkerung aus.
In sogenannten agentenzentrierten Jobs übernehmen KI-Agenten einen Großteil der Wertschöpfung (Beispiel: Anwälte, Programmierer). Diese Gruppe macht 30 Prozent der Erwerbsbevölkerung aus.
In den übrigen Bereichen der Wissensarbeit wird die Arbeit auf Mensch und Maschine aufgeteilt, etwa bei HR-Profis, Vertriebskräften oder Lehrpersonal. 21 Prozent der Stellen fallen in dieses Segment.
Diese Statistik zeigt, wo die zentrale Gestaltungsaufgabe auf dem Weg in die Arbeitswelt 5.0 liegt. „Es geht darum, die Arbeit so zu gestalten, dass Mensch und Maschine optimal zum Zug kommen“, sagt Wolfgang Beinhauer, Leiter Organisationsgestaltung beim Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) in Stuttgart.