Führung und gesellschaftliche Verantwortung

Was tun, damit keiner abgehängt wird?

Arbeitswelt und Gesellschaft stehen derzeit am Scheideweg: Wird die Digitalisierung jede Menge Verlierer produzieren? Oder wird sie vielen Menschen neue Chancen bieten? Ein Programmtag der Organisation Common Purpose Rheinland vergangene Woche in Bonn führt den Teilnehmern vor Augen: Sie als Führungskräfte haben es in der Hand, das wesentlich zu beeinflussen.

Ein Beitrag von Sylvia Jumpertz

Kurz nach der Mittagspause ist er plötzlich da – der Wow-Moment des Tages: Hans Peter Diewald, Leiter des Netzmanagement-Zentrums der Deutschen Telekom in Bonn, hat gerade einen Knopf gedrückt und damit die Milchglasscheibe geklärt, die fast die gesamte rechte Wand des Konferenzraumes einnimmt. Der Blick auf die Welt hinter der Scheibe hebelt viele der 20 Führungskräfte im Raum regelrecht aus ihren Sitzen. Zu sehen ist etwas, das aussieht wie das Raketen-Kontrollzentrum der NASA: junge Männer, die vor je mindestens drei Monitoren sitzen. An der Rückwand des Saals: eine riesige Wand voller digitaler Kurven, Grafiken, Datenströme. Wenn irgendetwas im Telekom-Netz nicht funktioniert: Hier wird es erfasst. Ein Prozess, der zunehmend automatisiert abläuft. Mehr noch: Weil die Datenmengen zukünftig noch zunehmen werden, sollen die Mitarbeiter an ihren Bildschirmen weitere Automatisierungsideen entwickeln. Sich also selbst überflüssig machen.

Diewalds Besucher begreifen: Es ist ein unmittelbarer Einblick in die Arbeitswelt der Zukunft, den sie hier erhaschen. Eine Welt, die die Gesellschaft schlimmstenfalls spalten wird: in top-ausgebildete Köpfe wie die Jungs im Netzzentrum, auf die selbst dann spannende neue Aufgaben warten, wenn sie sich aus ihrem aktuellen Job tatsächlich wegrationalisiert haben. Und in Abgehängte, die mit dem gnadenlosen Sog der Digitalisierung womöglich nicht Schritt halten können.

Der Einblick in die Zukunft hinterlässt die zwanzig Führungskräfte fasziniert und beunruhigt zugleich. Das ist durchaus so gewollt. Denn sie sind Teilnehmer des Matrix-Programms der Organisation Common Purpose Rheinland. Über acht Monate hinweg treffen sie sich je einen Tag im Monat an verschiedenen Orten, um sich gemeinsam intensiv mit einem besonderen Thema zu beschäftigen. Heute – zu Gast bei der Deutschen Telekom in Bonn – geht es um die Frage, was Führungskräfte tun können, um die Zukunft schon im Heute positiv mitzugestalten, und zwar nicht nur bezogen auf den Erfolg ihrer Organisationen, sondern in einem umfassenderen gesellschaftlichen Sinn.

Das ist die Grundidee der Common-Purpose-Organisation, die in Großbritannien entstanden ist und weltweit Ableger hat: Führungskräfte sollen gesellschaftlich Verantwortung übernehmen – und zwar am besten intersektoral. Deshalb führt die Organisation mit ihren Angeboten stets Führungskräfte verschiedener Bereiche zusammen: Leiter sozialer Einrichtungen. Behördenchefs. Führungskräfte aus der freien Wirtschaft. „Sie sollen so mehr Verständnis für die Kultur und Sprache des jeweils anderen entwickeln“, erklärt Birgit Gosejacob, Programmdirektorin von Common Purpose Rheinland und Moderatorin des Zukunftstages in Bonn. Idealerweise entstehen so dann langfristige Kontakte und Synergien, mitunter werden auch gemeinsam konkrete soziale Projekte angestoßen.

Im Matrix-Programm geht es zum einen darum, die Kontakt-Plattform zu schaffen, auf der das möglich wird. Zum anderen sollen die Führungskräfte hier für Themen sensibilisiert werden, über die sie im Alltagsbusiness eher weniger nachdenken. Zu dem Zweck besuchen sie ungewöhnliche Orte und werden mit ungewöhnlichen Menschen in Kontakt gebracht. Auch mit solchen, mit denen viele von ihnen normalerweise nicht reden würden, Strafgefangenen zum Beispiel.

Beim Termin in Bonn ist der Kulturschock zwar nicht ganz so groß. Aber auch hier stehen Ausflüge ins Unbekannte auf dem Programm: Dorthin, wo eine möglicherweise nicht ganz unproblematische Zukunft schon heute Gestalt annimmt, wie im Telekom-Netzzentrum. Und dorthin, wo Menschen daran arbeiten, die Verwerfungen, die diese Zukunft möglicherweise mit sich bringt, schon heute zu verhindern oder zumindest abzuschwächen.

Einige Teilnehmer beispielsweise besuchen am Morgen, als man in Kleingruppen zu verschiedenen Bonner Institutionen und Organisationen ausschwärmt, die Deutsche Telekom Stiftung. Diese setzt sich seit Jahren dafür ein, digitale Unterrichtskonzepte an Schulen zu fördern – will also schon früh den Grundstein dafür legen, dass es zukünftig möglichst wenige Abgehängte in der digitalen Gesellschaft gibt. Der Eindruck der Besucher: Das Engagement der Stiftung ist beeindruckend; und offenkundig kann im Schulterschluss von privatwirtschaftlichen, schulischen, politischen und anderen Akteuren auch einiges bewegt werden. Doch ist das Ausmaß der eigenen Einflussmöglichkeiten in diesem Bereich angesichts der Komplexität und der Beharrungskräfte im gegenwärtigen Bildungssystem begrenzt – frustrierend begrenzt.

Als sie jedoch am Nachmittag in Arbeitsgruppen zusammensitzen, weicht das Gefühl der Desillusionierung der Einsicht, dass es viele Dinge gibt, die sie als Führungskräfte auch ganz unmittelbar tun können, um die Zukunft – auch die der Gesellschaft – positiv zu beeinflussen.

Denn: Ob die Zukunft für viele Menschen eine gute wird, hängt ganz entscheidend von der Gestaltung der Arbeitswelt ab. Es hängt davon ab, ob diese Menschen mittels Kompetenzentwicklung und Weiterqualifizierung in die Lage versetzt werden, mit der Digitalisierung, der wachsenden Geschwindigkeit und Komplexität Schritt zu halten. Es hängt davon ab, ob sie in den Unternehmen auf Rahmenbedingungen treffen, die ihren Veränderungsmut und –willen fördern und nicht im Keim ersticken. Was es dafür braucht, ist ganz einfach: gute Führung. Was aber gute Führung wirklich ausmacht, auch das erschließt sich erstaunlicherweise beim Blick über den Tellerrand manchmal besser als im eigenen Business-Alltagstrott. Auch dies ist ein Nutzen, den die Teilnehmer des Matrix-Programm mitnehmen. „Dadurch, dass ich hier aus meiner Denkblase herauskomme, kann ich mich auch auf einer persönlichen Ebene weiterentwickeln“, sagt einer, Führungskraft in einer großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft.

Unmittelbar spürbar ist der Effekt zum Beispiel bei der Gruppe, die am Vormittag ein Integrationszentrum für Flüchtlinge und andere benachteiligte Jugendliche besucht hat. Was die Führungskräfte dort besonders beeindruckt hat, ist vor allem das Engagement des Leiters der Einrichtung. Der Mann – „ein typischer Sozialarbeiter“ – vermittelt benachteiligten Jugendlichen auf dem Weg über den Fußball wie nebenbei Werte und Softskills. „Er ist für die Jugendlichen ein Vorbild, baut starke Beziehungen zu ihnen auf und ist für sie ein exzellenter Motivator“, berichtet die Gruppe den Kollegen später. Davon lässt sich, so finden die Führungskräfte, einiges lernen, wenn es darum geht, Menschen mitzunehmen auf dem Weg in die Zukunft.

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Foto 1: Zu Gast auf dem Telekom Campus, Bonn. Foto 2: Mitgebrachte Inspirationen: Nach dem Besuch bei verschiedenen Bonner Einrichtungen – etwa einem Integrationsverein – haben die Teilnehmer ihre Eindrücke sortiert und ihre Erkenntnisse auf den eigenen Führungsjob übertragen.
18.07.2017
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