1. Kölner Rednernacht

Vorträge im Viertelstundentakt

Fortbildung vergnüglich gestalten: Mit der sogenannten Rednernacht wollte Stefan Frädrich genau das schaffen. Vergangenen Samstag fand die Veranstaltung namens „Gedanken tanken“ zum ersten Mal statt. 13 Mitstreiter hatte der Erfinder der Motivationsfigur „Schweinehund Günter" dazu aktiviert. Das Ergebnis: eine heiße Nacht in Köln mit Weiterbildungsbröckchen im Viertelstundentakt.

18:20 Uhr, mein Taxi hält vor dem Millowitsch-Theater. Personen mit Kölsch oder Cola stehen vor der Tür. Ihre Kleidung: ungezwungen, nur wenige tragen die üblichen Business-Dresses. Ein Zeichen dafür, dass die Besucher das Event als das ansehen, was es sein soll: kein Business-Termin. Die Stimmung ist locker, Referenten mischen sich unter die Besucher. Martin Limbeck ist noch im Freizeit-Look, er redet mit einem Fan, der sein Buch gelesen hat und es lobt.

Für mich ist netterweise ein Platz reserviert. „Frau Bußmann“ prankt in großen Lettern auf einem Stuhl an der Seite im vorderen Drittel. Bin ich die einzige Vertreterin der Presse? Sicherlich die einzige mit krankem Fuß. Ich folge jedoch meinen Networking-Kollegen in die erste Reihe, die frei ist - vermutlich wegen der Genickstarre, die folgen wird. Ich sehe dafür alles aus nächster Nähe: vor allem, wie die Referenten schwitzen. Im Millowitsch-Theater sind gefühlte 35 Grad ohne Luftzug.

Viel Vorgeplänkel gibt es nicht, das Zeitfenster ist eng, die Organisation angenehm straff: von 19 bis 21 Uhr dauert die erste Redezeit, eine halbe Stunde Pause wird gegönnt, bevor um 21:30 der zweite Zweistunden-Input folgt. Stefan Frädrich erklärt kurz das Konzept und die Idee des „Work-Life-Boosters“, so der Untertitel der Veranstaltung. Eine Ideentankstelle will er schaffen, auch im Internet, wo alle Vorträge bald kostenlos abrufbar sein werden. Er sieht seine Veranstaltung nicht als Kongress, sondern eher in Konkurrenz zur üblichen Samstagabendgestaltung. Entertrainment. Viele Redner kurz (15 Minuten), statt wenige Redner lang. Eine Herzensangelegenheit sei das für ihn.

Das Programm ist bunt, die Themenmischung wild und unkonventionell: Ernährung, Umwelt, Verkauf, Gedächtnis, Lebensführung... Äußerst bekannte Referenten wie Oliver Geisselhart treffen auf vergleichsweise unbekannte wie Susanne Finzel. Ihr Beitrag ist denn auch der Ärgerlichste des Abends, nicht wegen ihres Themas Vitalstoffmangel, sondern wegen der offensiven Werbung für das Präparat Cellagon. Cellagon, so weiß meine Nachbarin zu berichten und so bestätigt auch Frädrich in einem Telefonat nach der Veranstaltung, ist Sponsor der Veranstaltung. Okay, aber warum sollen das nicht auch die Teilnehmer wissen?

Inhaltlich ist das Dargebotene eine Mischung aus Geschichten, Merksätzen, Musik und Comedy. Die Comedians kommen beim Publikum am besten an, kein Wunder: Am Samstag abend schlägt Unterhaltung Information wahrscheinlich schon wegen der Erwartungshaltung. „Meine Freundin sollte von Apple sein" - Input von Schlusscomedian Michael Krebs - ist mein Favorit. Gegen die Comedians haben es selbst die großen Speaker schwer: Profi-Witz gegen Gebrauchswitz. Da spricht die Handschrift Frädrichs, der - wäre er Präsident der GSA geworden -, gern die Comedians in die Rednervereinigung geholt hätte. Von den Bühnenvollprofis können die Redner schon noch lernen, das sehe auch ich deutlich.

Zurück zum Programm: Viele der auftretenden Referenten verlegen sich in ihren 15 Minuten aufs Storytelling. Dirk Kreuter erzählt von seinem Karibik-Urlaub und warum er die teuerste Autoversicherung bucht. Martin Limbeck lässt uns in sein Wohnzimmer, in dem seine Freundin einem Staubsaugervertreter lauscht, der es aber mit dem falschen Satz am Ende versaubeutelt. Mit Andreas Buhr reise ich nach Istanbul und lerne Ahmed kennen, der es schafft, Buhr wider echten Willen einen Wandteppich zu verkaufen.

Daneben erfahre ich von Klaus Wunderlich, dass ich in meinen Leben nur 14 Tage mit Knutschen verbringe. Er legt den Zuhörern augenzwinkernd nahe, mehr Liebe zu machen. Denn, zumindest in dieser Zeit, können wir dem Planeten nicht schaden. Von Isabel García bekomme ich die Feder einer Ente geschenkt (erste Reihe, da passiert sowas schon mal), mit der sie ihre Kernbotschaft untermauert: Körper führt, Stimme folgt.

Ich merke: 15 Minuten können unterschiedlich lang sein. Bei dem einen Auftretenden vergehen sie wie im Flug, bei einem anderen dauern sie gefühlt doppelt so lange. 15 Minuten, um Inhalte zu vermitteln? Das ist wenig und herausfordernd, aber es geht. Es gelingt nur nicht allen. Nicht jeder Referent hat das Konzept verstanden. Dankesworte an den Veranstalter, Hinweise auf den Bücherstand draußen - nett, aber nicht gewollt, wie mir Tage später Frädrich am Telefon erzählt. Die Veranstaltung ist auch Mittel zum Zweck, um die Internet-Gedankentankstelle zu füllen. Solche Passagen müssen daher rausgeschnitten werden.

Zurück zum Samstag: Viel Zeit für Networking ist nicht. Auch kein Raum. Ich treffe dennoch viele Bekannte. Viele Trainer aus Köln und Umgebung sind zugegen, auch andere Speaker. Die GSA-Spitze ist da: Gaby Graupner (Präsidentin) und Claudia Haider (Geschäftsführerin), sogar aus dem Süden der Republik angereist. Gründe für die Teilnahme am „Gedanken tanken" gibt es sicher viele: Wertschätzung für die Veranstaltung von Frädrich. Konkurrenzbeobachtung. Respekt vor dem Mut, ein neues Konzept auf den Markt zu werfen. Neugier. Vielleicht auch der Hintergedanke, sich selbst als Redner anzubieten. Zielgruppe sind sie alle eigentlich nicht. Das ist nämlich der normale "Erfolgssuchende".

Frädrich hat seine nächste Veranstaltung ohnehin schon klargemacht. Sie findet in Neu-Ulm statt. Es sind wieder einige bekannte Namen dabei: der Holländer Richard de Hoop, Love-Seller Hans-Uwe Köhler, der christliche Personalexperte Jörg Knoblauch, Servicequeen Sabine Hübner, Gedächtnistrainer Markus Hofmann.

Meine erste Rednernacht geht zu Ende. Inhaltlich ist es keine Offenbarung, aber mir gefallen Name, Untertitel und Idee. Am Konzept kann man vielleicht noch etwas schrauben. Eine Alternative zum Kino? Ja, dafür aber mit 99 Euro preislich grenzwertig. Ungewohnt heiß wars, nicht nur wegen dem Wetter. Ich sag nur Vera Deckers und - Penis.

Foto 1: Stefan Frädrich, Initiator von „Gedanken tanken" Foto 2: Musikproduzent Loy Wesselburg. Er zeigt live, wie er einen Song komponiert. Foto 3: 14 Input-Geber beim Schluss-Applaus.

Fotos: Jan Hillnhütter, Köln
06.07.2012
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