Erlebt

Reiner Calmund auf dem Wissensforum

Das Stuttgarter Wissenforum gehört nicht zu den festen Redaktionsterminen in meinem Kalender. Letztes Jahr war ich zum ersten Mal da - aus Neugierde. Dieses Jahr lockte mich die Ankündigung von Reiner Calmund als Redner. Taugt der was auf der Bühne? Wofür buchen den wohl die Unternehmen?

Déjà-vu gleich zu Beginn: Am Eingangsbereich weiß keiner von meiner Akkreditierung, das war im vergangenen Jahr nicht anders. Gewühlt wird in den Unterlagen, irgendwann bekomme ich eine VIP-Gästekarte einer PR-Agentur. Damit habe ich anders als im Vorjahr Zugang zum VIP-Bereich, den man in der Porsche-Arena mit Fahrstuhl erreicht. Der Vorteil: Man sitzt auf den oberen Rängen und kann zwischendurch mit Butter belegte Brezeln u.a. essen. An Sitzen ist jedoch erst mal nicht zu denken. Ich bin spät dran, circa 15 Uhr, das Forum ist schon in vollem Gange. 2.800 Karten sind verkauft worden. Wow, ein Mega-Event.

Es spricht Cay von Fournier, ich bekomme nur eine Story mit: wie man als Hotel, das Bücher zum Ausleihen anbietet, bei Kunden punktet, wenn man sich die Seitenzahl notiert, auf der der Kunde stecken geblieben ist und beim nächsten Besuch eben dieses Buch mit eben dieser Seitenzahl wieder hinlegt. Ich bin nicht beeindruckt, bin aber auch abgelenkt. In der abgedunkelten wie ein Amphitheater aufgezogenen Halle spähe ich nach einem Sitzplatz.

Wie sich heraussstellt, ist es nicht schlimm, dass ich die Hotelstory nicht ganz mitbekommen habe: Ich sitze inzwischen, und die nächste Rednerin, Anne Schüller, gibt sie erneut zum Besten. Uups, wohl nicht mitbekommen, was der Vorredner gesagt hatte. Die von Schüller gezeigten YouTube-Videos sind ebenso lustig wie einprägsam (u.a. dieses), ich kenne jedes Einzelne schon von anderen Vortragenden. Das Los eines Kongress-Junkies. Dass sich Inhalte wiederholen, bekomme ich ein zweites Mal mit - Vertriebstrainer Andreas Buhr macht eine Übung, in der wir die Arme überschlagen sollen (um zu demonstrieren, wie sehr wir Gewohnheitstiere sind und wie schwer es fällt, es mal anders zu tun). Mein Nachbar verdreht leicht gelangweilt die Augen. Das hatte er schon heute morgen, wie er erzäht. Nicht mit Armen, aber mit Händen.

Bei mir treten leise Ermüdungserscheinungen auf: Die Halle ist wegen gewollter Konzentration der Aufmerksamkeit auf die Bühne so dunkel, dass ich nichtmals mitschreiben kann. Wann kommt Calli?

Zwischendurch bin ich amüsiert über den Surprise Act: Rob Spence. Ich vermute, dass es peinlich wird, das Thema Sex, Männer und Frauen, dann aber muss ich viel lachen - wie er mit einem gelben Luftballon kämpft, dem Ei der Frau.

Irgendwann ists soweit: Reiner Calmund steht auf der Bühne. Er nuschelt etwas - sowas wie, dass er kein Speaker ist. Und beginnt mit Fußball. Namen von Spielern, Vereinen, Transfers. Mein Nachbar meint, dass das jetzt schon sehr speziell ist. Vielleicht ist er kein Fußball-Fan. Calli erzählt etwas von einer Konfetti-Allergie. Mein Nachbar und ich reden indes über Callis Figur. Calmund erinnert mich an eine Raute. Eine dreidimensionale. Kleiner Kopf, schmale Schultern, dann verdickt sich das und wird nach unten wieder schmal. Was ich von der Konfetti-Story noch mitbekommen habe: Es ging um das Ausziehen seiner Unterbuchse um 5 Uhr morgens. Mein Nachbar schaut mich an. Wir sind beide der Meinung: müssen wir nicht wissen. Und wollen wir uns jetzt nicht vorstellen.

Ich überlege, Calli Calli sein zu lassen, doch dann dreht der Fußballfunktionär richtig auf. Seine in braun geschriebenen Folien, die die Parallelen von Fußball zur Wirtschaft aufzeigen wollen, bleiben unbewegt. Er erzählt von sich. Einem seiner peinlichsten Auftritte. Der Wok-WM mit Stefan Raab. Von seiner Angst, den Eiskanal runterzufahren, von den Medien, die ihn mit Kameras ausrüsten wollen, von der hilflosen Kaulquappe, als die er sich gefühlt hat. Ab da an ist Calli nur noch eins: authentisch, sympatisch. Er plaudert übers Essen und warum das Abnehmen schwer fällt, macht Witze über seine Figur, lässt uns seinen inneren Schweinehund kennenlernen, erzählt von seinen Philosophien und Motti (u.a. "Gas geben, malochen, malochen, und malochen. Und wenn nichts mehr geht: Stahlhelm aufsetzen und notfalls Dreck fressen").

Er überzieht. Er sagt, er braucht noch zehn Minuten, er klickt die Folien durch, konfus, circa 10 verwirft er. Er redet von Teams und was man so sagt zum Thema Fußball und Wirtschaft. Irgendwann gibt er sich geschlagen ("Oh, die Zeremonienmeister werden nervös"). Er geht von der Bühne. Der Moderator übernimmt, Calli kommt zurück. Er bedankt sich beim Publikum: dass es ein großartiges war. Das sagen Redner ja schon mal so. Ich nehme es ihm ab.

Später von den Backstage-Girls erfahre ich, dass sich Calmund vor seinem Auftritt drei Teilchen (in Stuttgart sagt man Stückchen, Calli sagte Schneckchen) reingezogen hat. Ich muss schmunzeln. Das passt.

Fazit: Reiner Calmund ist Calli wie man ihn aus dem Fernsehen kennt. Er nimmt kein Blatt vor den Mund. Er hat das Thema Motivation irgendwie drauf und ist - zumindest auf der Bühne, Backstage kann ich nicht beurteilen - keine Diva. Er wirkt herrlich ehrlich. Sein Thema "Fußball und Wirtschaft" hat ihm vermutlich ein Vermarkter nahe gelegt, ist ja auch naheliegend. Ich finde, er braucht kein Thema, zumindest dieses kann er nicht. Vermutlich brauchen nur die Unternehmen, die ihn buchen, eins. Er ist als Person aber Bühnen füllend, nicht nur wegen seines Körpervolumens.

Ich fahre zufrieden zurück. Und überdenke meine Überlegung, nächstes Jahr nicht wieder dabei sein zu wollen. Doch dann feiert die Redneragentur Speakers Excellence mit dem Wissensforum in Stuttgart ihr zehntes Jubiläum. Und vielleicht zaubert sie ja wieder ein dickes Schneckchen aus dem Hut.
10.10.2010
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