Förster/Kreuz

'Der Preis für Gestaltungsfreiheit ist Selbstverantwortung'

Mutig und neugierig sein. Grenzen nicht akzeptieren. Standards in Frage stellen. Neues vorantreiben. Für Menschen, die Veränderungen umarmen und Freude daran haben, im Arbeitsleben (und darüber hinaus) etwas zu bewegen, ist „Zündstoff für Andersdenker“ geschrieben. Die Metapher mit dem Feuer muss man nicht mögen, um das neue Buch von Anja Förster und Peter Kreuz zu lesen. Es ist liebevoll gelayoutet, ansprechend in leuchtend-gelb und dunklem Magenta gehalten mit vielen impulsartig zusammengefassten Gedanken. Neu sind die freilich nicht, zumindest nicht, wenn man dem Autorenduo schon länger die Treue hält. Bei dem Buch handelt sich um eine Überarbeitung bereits erschienener Artikel und Kolumnen, einzig das „Freiheitsmanifest“, bestehend aus neun Paragraphen, ist neu verfasst. Fünf Aussagen, die sich darin finden, habe ich herausgesucht, die die beiden im Folgenden kommentieren.



Andersdenken ist kein Luxus, sondern lebenswichtig. Heißt das: Wir müssen alle Andersdenker sein?

Peter Kreuz: Niemand muss Andersdenker sein. Natürlich kann ich auch mit dem Mainstream mitschwimmen, anstatt den eigenen Weg zu suchen. Für mich ist das aber wie ein freiwilliges Einverständnis, die Hälfte des Lebens ungelebt zurückzugeben. Jeder von uns hat die Wahl, seine Talente zu entdecken und etwas daraus zu machen oder vor sich hinzudämmern, als Teil der Kulisse im Hintergrund der Bühne der anderen.

Unsere Haltung macht den Unterschied. Und unsere Haltung ist eine Entscheidung. Warum entscheiden sich dann nur so wenige dafür, Gestalter ihrer Umstände zu sein?

Anja Förster: Der Preis für mehr Gestaltungsfreiheit im eigenen Leben ist mehr Selbstverantwortung. Aber viele Menschen sind nicht bereit, diesen Preis zu zahlen. Sie möchten jemanden, der ihnen genau sagen kann, was zu tun ist, wie lange es dauert und was dann als nächstes kommt. Warum kämpfen, wenn man auch mitschwimmen kann? Für den Fall, dass reines Funktionieren gefragt ist, stehen weltweit Millionen Menschen bereit, die gerne jede Schraube nach rechts drehen, wenn man ihnen sagt, dass sie die Schraube nach rechts drehen sollen. Und zwar für 50 Cent die Stunde. Und die nächste Welle in Form von Algorithmen und Robotern, die Standardarbeiten übernehmen, bricht gerade über uns herein. Die einzige Chance, die wir in diesem Wettbewerb haben, besteht darin, mit cleveren Ideen auf uns aufmerksam zu machen – eben ein konstruktiver Andersdenker zu sein. Die Chance, der Gestalter unserer Umstände zu sein, ist ein wundersames Ding. Die meisten sehnen sich danach und schätzen es als höchstes Gut, gleichzeitig aber erschreckt sie viele zu Tode.

Führungskräfte sollen mit Mut und frischem Denken soziale Laboratorien schaffen, in denen mit neuen Formen des Zusammenarbeitens experimentiert wird. Konkret: Wie sieht so ein soziales Lab aus?

Förster: In einem Lab wird experimentiert. Die entscheidenden Zutaten sind Freiraum, Selbstbestimmung und ein anderes Verständnis von Menschenführung. Führung ist nicht länger etwas gottgleich Verliehenes, sondern etwas, das von der Akzeptanz der Geführten abhängt. Andersherum bedeutet es aber auch, dass Arbeitnehmer ihre Rolle neu begreifen müssen. Ein mehr an Freiheit und Selbstbestimmung bedeutet auch mehr Eigenverantwortung. Typische Ausreden wie „Mein Chef wollte das so“ oder „Die anderen sind schuld“ gelten nicht mehr, denn die Verantwortung für eigene Entscheidungen kann nicht delegiert werden. Das sind schlechte Nachrichten für alle, die gern Freiheit hätten, aber die Verantwortung für die eigenen Entscheidungen nicht tragen möchten.

Die Musik spielt nicht unbedingt im Chefzimmer. Stimmt. Wie kann man bei ortsunabhängigem Arbeiten, dezentralisierten Entscheidungsprozessen, Projektstrukturen... etc erreichen, dass dennoch alle zusammen Musik machen?

Kreuz: Man kann es mit dem Funktionieren einer Jazz-Band vergleichen. Jazzmusiker spielen als Experten ihrer Instrumente und als geübte Profis miteinander. Sie hören dem jeweiligen Solisten aufmerksam zu, um dann dessen Thema gekonnt aufzugreifen und weiterzuentwickeln. Sie improvisieren. Man könnte auch sagen, sie leisten ihren Beitrag zum Thema. Und sie sind zudem in der Lage, sehr schnell auf veränderte Situationen zu reagieren. Die Kunst besteht also darin, im Zusammenspiel die Stärken jedes Einzelnen zu nutzen. Die Aufgabe des Chefs ist dabei, die Mitarbeiter zum Swingen zu bringen.

Zum wunderbaren Nietzsche-Zitat: „Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.“ Womit sollte Führung aufhören, damit Mitarbeiter Lust auf Veränderungen und Neuerungen haben?

Kreuz: Die weitverbreitete Regel- und Kontrollwut muss radikal eingedämmt werden. Das bedeutet nicht, dass morgen ALLE Regeln abgeschafft werden sollten. Für die Buchhaltung wäre die Abwesenheit von Standards und Regeln ein bisschen schwierig. Aber es gibt in jeder Organisation Regeln, Prozesse und Vorschriften, die ohne weiteres verzichtbar sind und da kann man ja mal anfangen. Und noch etwas: Ein dichtes Regelwerk erzieht Menschen dazu, Regelbefolger zu werden. Wer Zäune um Menschen baut, bekommt Schafe. Selbständig denkende und handelnde Mitarbeiter brauchen Freiraum.

*****

Anja Förster und Peter Kreuz arbeiten als Managementberater und Vortragsredner. Ihre Mission ist es, Denkmauern einzureißen und den Horizont zu öffnen für eine neue Art zu leben und zu arbeiten. Die beiden sind sowohl beruflich wie auch privat ein Paar und leben abwechselnd in Deutschland und Frankreich. Mehr über die Autoren: www.foerster-kreuz.com

16.09.2017
Wir setzen Analyse-Cookies ein, um Ihre Zufriedenheit bei der Nutzung unserer Webseite zu verbessern. Diese Cookies werden nicht automatisiert gesetzt. Wenn Sie mit dem Einsatz dieser Cookies einverstanden sind, klicken Sie bitte auf Akzeptieren. Weitere Informationen finden Sie hier.
Akzeptieren Nicht akzeptieren
nach oben Nach oben