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Rezension: Achtsamkeit in der Körperverhaltenstherapie

Von Norbert Klinkenberg, 194 S., Klett-Cotta, Stuttgart 2007, brosch., 26 Euro.

Norbert Klinkenberg beschreibt in seinem Arbeitsbuch Wege, das Körperverhalten 'Achtsamkeit' in die therapeutische Arbeit zu integrieren. Dabei stützt er sich auf die Arbeit von Heinrich Jacoby und Elsa Gindler. Deren Grundthese lautet: Die Menschen sind biologisch so ausgestattet, dass sie zur adäquaten Bewältigung von Aufgaben nur die Qualitäten ihres Seins wahrzunehmen brauchen. Zielgruppe des Buches sind Fachleute aus helfenden Berufen, aber auch Menschen, die nach Lösungen für eigene Probleme suchen.

Doch was bedeutet Achtsamkeit eigentlich? Es scheint sich dabei, so schreibt der Autor, um eine besondere Befähigung des Körperlichen zu handeln. Achtsam ist laut Klinkenberg der, der sich einer Sache ganz hingibt, ohne krampfhaft oder schläfrig zu wirken. Es ist weniger ein Tun, als vielmehr eine Verhaltensweise oder ein Zustand. So sagte Elsa Gindler einmal, sie habe bei einem gestorbenen Kameraden zum ersten Mal sein 'wahres' Gesicht erblickt. Ein Gesicht, das sich so zeigte, wie es wirklich war oder ausgesehen hätte, wenn der Mann 'bei sich selbst' gewesen wäre.

Klinkenberg lädt seine Leser ein, einen Blick hinter die Maske der eigenen Verhaltensweisen zu werfen. Oft steckten nämlich Angst, Aktivismus oder Aggression hinter bestimmten Handlungen. Angst beispielsweise gehöre zur biologischen Grundausstattung des Menschen. Sie habe unseren Vorfahren geholfen, zu überleben. Heute wirkt sie sich eher negativ aus. Und zwar insofern, dass es vielen Menschen nicht möglich ist, sich zu entspannen, sagt Klinkenberg.

20 'Probiersituationen' sollen bei dieser 'Expedition zum Selbst' helfen. Sie geben Anleitung, wie man lebendiger und gesünder werden kann. Bei den Übungen handelt es sich aber mitnichten um Fitness-Workouts. Vielmeher geht es darum, sich mit viel Unvoreingenommenheit auf bestimmte Situationen einzulassen. Ein Übungsbeispiel: auf einem Hocker sitzen und sich vom Boden tragen lassen. Die Anleitung (in Kürze): Spielen Sie mit Ihren bisherigen Gewohnheiten. Spüren Sie die Anstrengung, bewusst gerade sitzen zu wollen. Gewöhnlich funktioniert das nicht lange. Wir lassen uns weder vom Boden tragen, noch von ihm stützen. Im Alltag bietet Sitzen eine Gelegenheit, sich wohler zu fühlen.

Darüber hinaus liefert das Buch zahlreiche Berichte und Resümees von Patienten. Unter dem Stichwort 'Vertrauen' schildert etwa ein Patient, was er nach einer Achtsamkeitsübung empfindet: 'Ich habe das Gefühl, dass sich Millionen von Molekülen in meinem Rücken wohlig aneinanderreihen. Ich spüre, dass ich ganz einfach einen schönen Rücken habe. Meine Haltung ist stolz, ich komme mir vor wie ein Spanier. Würde am liebsten Paso doble tanzen.'

Theoretisch unterfüttert werden die Praxisberichte und Übungen mit den Hintergründen der therapeutischen Arbeit. So stellt Klinkenberg ausführlich die Konzepte von Elsa Gindler vor, die als 'Großmutter der somatischen Psychotherapie' gilt.

Das Buch ist in der Reihe 'Leben lernen' erschienen. Es ist in verständlichen Worten geschrieben, so dass auch der Laie Spaß am Lesen hat. Fotos, wenn auch nur schwarzweiß, zeigen Menschen in achtsamen Situationen. Die Übungen werden detailliert erläutert, die beiliegende Audio-CD (50 Min.) gibt weitere Anleitungen und Einblicke in die therapeutische Arbeit.

Fazit: Eine gute Mischung aus theoretischen Grundlagen und praktischen Übungen.
Autor(en): (Dagmar Staab)
Quelle: Training aktuell 06/07, Juni 2007
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