Reflexion

Praxistest „Das systemische Kartenset“
Praxistest „Das systemische Kartenset“

Mit Bildern zum Ziel

Veränderungsprozesse in Coaching, Beratung und Supervision sind oft von inneren Blockaden, Emotionen oder unbewussten Problemlagen geprägt, die das Erreichen der gewünschten Ziele erschweren oder gar verhindern können. Hier setzt „Das systemische Kartenset“ an. Es will Klientinnen und Klienten dabei unterstützen, solche Zustände und Gefühle sichtbar zu machen, Zielbilder zu entwickeln und deren Umsetzung zu fördern. Coach und Supervisorin Cordula Damm hat es gemeinsam mit drei Klienten einem Praxistest unterzogen.

Das Angebot

Das systemische Kartenset der Psychologin Juliane Wasserbauer umfasst 75 Bildkarten, die in Coaching, Beratung und Supervision eingesetzt werden können, um Veränderungsprozesse vom Ist- zum Zielzustand zu begleiten. Laut Anbieter sollen die Karten dabei helfen, innere Blockaden, Zustände und Emotionen sichtbar zu machen, Ressourcen zu aktivieren, Zielbilder zu finden, zu Veränderungen zu motivieren und Lösungen über symbolische Anker zu stabilisieren. Methodisch stellt das Kartenset eine Weiterentwicklung des Zürcher Ressourcen Modells dar und verbindet systemisch-lösungsorientierte Ansätze, hypnosystemische Konzepte und neurowissenschaftliche Perspektiven. Zentral soll dabei die Arbeit mit inneren Bildern sein: Aufbauend auf dem Gedanken, dass Veränderung weniger über rein kognitive Einsicht als über aktivierte innere Erlebniszustände erfolgt, sollen die Karten helfen, von problemfokussierten Zuständen in lösungsorientierte Erlebnisräume zu wechseln. Das Set soll sich sowohl in Einzel- als auch in Gruppensettings einsetzen lassen. Erschienen ist es im Verlag managerSeminare.

Das systemische Kartenset soll dabei helfen, innere Blockaden, Zustände und Emotionen sichtbar zu machen, Ressourcen zu aktivieren, Zielbilder zu finden, zu Veränderungen zu motivieren und Lösungen über symbolische Anker zu stabilisieren.

TA-Check

Das Kartenset wird in einer stabilen silbernen Metallbox in den Maßen 16 x 22 Zentimeter geliefert. Die 75 Karten bestehen aus fester Pappe und wirken insgesamt wertig, sind jedoch für meinen Geschmack etwas klein (Postkartenformat) und zeigen an den Rändern teilweise leichte Stanzreste von der Herstellung. Die Karten zeigen eine breite Palette an Fotografien (z.B. Menschen, Tiere, Pflanzen, Gegenstände, Natur- und Stadtszenarien), die mich bereits beim ersten Durchsehen zur Reflexion animiert haben: Mir kamen spontan Begriffe wie Einsamkeit, Stress, Überforderung, aber auch Hoffnung, Verbindung und Klarheit in den Sinn. Gerade diese Ambivalenz unterscheidet das Set von vielen rein ressourcenorientierten Kartensets. Neben den Karten enthält das Set ein 30-seitiges Booklet zur Einführung, das kompakt und inhaltlich dicht ist. Es beginnt mit einem Vorwort von Psychotherapeut Gunther Schmidt. Es folgen Informationen zu Hintergründen und zur Entstehung des Kartensets sowie konkrete Anwendungsmöglichkeiten für Beratung, Coaching und Supervision. Für komplexere Settings – insbesondere im Team- oder Organisationskontext – bleibt die Anleitung meiner Meinung nach allerdings relativ knapp und setzt eigene methodische Erfahrung voraus.

Ich teste das Kartenset mit drei Teilnehmenden einer Teamsupervision, die in einer stationären Wohngruppe für Jugendliche arbeiten. Es geht um bereits länger anhaltende Unzufriedenheiten mit der Zusammenarbeit, die bereits mehrfach thematisiert und mit unterschiedlichen Methoden bearbeitet wurden. Ich verteile die Karten auf dem Boden, sodass sie für alle gut sichtbar sind, und gebe den Teilnehmenden, gemäß dem Booklet, eine kurze Einführung in das Set. Dabei erkläre ich etwas zu den Hintergründen, der Wirkung und stelle die geplante Methode vor. Dann bitte ich die Teammitglieder, sich eine Karte für den aktuellen Zustand der Zusammenarbeit und eine zweite Karte für einen gewünschten Zielzustand (in zwei Monaten) auszusuchen. Die Auswahl erfolgt schnell (gewählt wurden Karten, die Zahnräder, einen Baum, eine Berghütte, eine Straßenkreuzung, Türen und eine vollgepackte Pinnwand zeigen), gleichzeitig ist erkennbar, dass die Bilder unmittelbar Reflexionsprozesse anstoßen. Als Nächstes legen wir eine Zufriedenheits-Skala von 0 bis 10 auf dem Boden aus, die ich vorbereitet habe. Der Wert 0 steht für „Hier stehen wir“, der Wert 10 für „Dort wollen wir hin“. Jedes Teammitglied platziert seine beiden Karten auf dieser Skala und erläutert die eigene Einschätzung: Woran zeigt sich der aktuelle Stand konkret? Woran noch? Ich frage nach Beispielen. Wie fühlt es sich an? Welche Gedanken beschäftigen die Person, wenn sie das erlebt? Und dann in Richtung Lösung: Woran wird erkennbar sein, dass der Zielzustand erreicht ist? Welchen Beitrag kann sie selbst leisten? Welche Unterstützung braucht sie von anderen – und was erwarten die anderen von ihr?

Cordula Damm

Die Teilnehmenden hören einander zu, fragen nach. Obwohl unterschiedliche Bilder gewählt wurden, zeigten sich in der gemeinsamen Reflexion deutliche Parallelen in den zugrunde liegenden Wahrnehmungen, Gefühlen und Bedürfnissen. Insbesondere implizite Aspekte der Zusammenarbeit – etwa Unklarheit, fehlende Abstimmung oder der Wunsch nach einer klaren gemeinsamen Haltung – werden schnell sicht- und besprechbar. Die vielen Türen, die unübersichtliche Straßenkreuzung und die vollgepackte Pinnwand symbolisieren Überforderung, Informationsüberflutung und unzureichende Abstimmung. Dahinter stehen der Arbeit innewohnende Herausforderungen, die richtigen Informationen in angemessener Form von Schicht zu Schicht weiterzugeben, angefangene Arbeiten fortzuführen und andere proaktiv anzugehen, Verantwortung zu übernehmen und bei Unsicherheit den Mut zu haben, Fragen zu stellen. Es wird deutlich: Fehler werden immer passieren, und das darf auch so sein – es passieren allerdings aktuell zu viele Missverständnisse, es geraten zu viele Informationen unter die Räder, es bleiben zu viele Aufgaben liegen. Demgegenüber symbolisieren der Baum, die Berghütte und die Zahnräder Selbstbewusstsein, Klarheit und ein funktionierendes Zusammenwirken. Übergaben zwischen den Schichten funktionieren, Verantwortung wird übernommen, die gemeinsame Haltung wird immer wieder neu justiert, was ein Vertrauensgefühl schafft und Sicherheit vermittelt.

Anzeige
Erlebe die Zukunft der Bildung
Erlebe die Zukunft der Bildung
Auf der LEARNTEC in Karlsruhe triffst Du auf die aktuellsten Entwicklungen rund um digitales Lernen, Weiterbildung und E-Learning in Unternehmen, Bildungseinrichtungen und Organisationen.

Die entwickelten Zielbilder halte ich fotografisch fest. Das Team entscheidet, das Bild im Teamzimmer aufzuhängen – ich nehme mir vor, die Karten bei der nächsten Supervision mitzubringen und erneut nachzufragen, wie sich die Situation entwickelt hat. In der folgenden Sitzung berichten die Teilnehmenden von ersten Veränderungen sowie von neuen, nun klarer erkennbaren Herausforderungen. Auffällig in diesem Prozess war, wie schnell die Arbeit mit den Bildern eine Verdichtung ermöglichte: Aspekte, die zuvor wiederholt besprochen worden waren, wurden durch die visuelle Ebene unmittelbar greifbar. Die Karten fungierten dabei weniger als „Erklärhilfe“, sondern eher als Projektionsfläche für implizites Wissen und geteilte Erfahrungen. Gerade die Ambivalenz der Motive schien es den Teilnehmenden zu erleichtern, auch widersprüchliche Wahrnehmungen gleichzeitig auszudrücken, ohne diese vorschnell auflösen zu müssen.

TA-Eindruck

Die Bildmotive des Kartensets erleichterten den Teilnehmenden den Zugang zu den eigenen Emotionen und Bedürfnissen, aber auch zu strukturellen Herausforderungen. Ein besonderer Mehrwert liegt darin, dass nicht nur Ressourcen aktiviert, sondern auch blockierende Muster sichtbar gemacht und integriert werden können. Die entwickelten Zielbilder fungierten als wirksame visuelle Anker im weiteren Prozess.

IM TEST

  • Produkt: „Das systemische Kartenset“
  • Anbieter: managerSeminare Verlags GmbH
  • Preis: 39,90 Euro
  • Link: bit.ly/TA_SystKartenset

Alles in allem habe ich das systemische Kartenset als ein vielseitiges Tool für die Arbeit mit Bildern, Symbolen und unwillkürlichen Prozessen empfunden. Es unterstützte dabei, komplexe und belastende Themen rasch greifbar zu machen. Gleichzeitig zeigt sich im Praxiseinsatz, dass die Arbeit mit den Karten ihre volle Tiefe eher in Einzelsettings entfaltet. Im Teamkontext entsteht zwar schnell ein gemeinsames Verständnis, die individuelle Vertiefung einzelner Themen bleibt jedoch naturgemäß begrenzt. Die intensive Nutzung des Sets setzt aus meiner Sicht ein gewisses Maß an Erfahrung voraus. Wer damit auch tieferliegende Themen bearbeiten möchte, sollte über solide Beratungs- und/oder Coachingkompetenzen verfügen.

TA-Fazit

Ein differenziertes und wirkungsvolles Kartenset für Coachs, Beraterinnen und Supervisorinnen, die mit der Sprache der Bilder arbeiten und sowohl Ressourcen als auch blockierende Muster in Veränderungsprozessen sichtbar machen möchten.

Die Autorin: Cordula Damm ist Dipl.-Pädagogin und arbeitet seit vielen Jahren als Teamentwicklerin, Coach und Supervisorin. Sie unterstützt Organisationen unterschiedlicher Branchen dabei, Retrospektiven zielgerichtet zu nutzen, um bewusster zu kommunizieren, effektiv zu führen und kontinuierlich an der Qualität der Zusammenarbeit zu arbeiten. Ihr Heimathafen ist der systemisch-lösungsorientierte Ansatz. Kontakt: corduladamm.de

Vielen Dank für Ihr Interesse an diesem kostenfreien Artikel der Zeitschrift Training aktuell!

Sie möchten regelmäßig Beiträge des Magazins lesen?

Für bereits 10 EUR können Sie die Mitgliedschaft von Training aktuell einen Monat lang ausführlich testen und von vielen weiteren Vorteilen profitieren.

Wir setzen mit Ihrer Einwilligung Analyse-Cookies ein, um unsere Werbung auszurichten und Ihre Zufriedenheit bei der Nutzung unserer Webseite zu verbessern. Bei dem eingesetzten Dienstleister kann es auch zu einer Datenübermittlung in die USA kommen. Ihre Einwilligung bezieht sich auch auf die Erlaubnis, diese Datenübermittlungen vorzunehmen.

Wenn Sie mit dem Einsatz dieser Cookies einverstanden sind, klicken Sie bitte auf Akzeptieren. Weitere Informationen zur Datenverarbeitung und den damit verbundenen Risiken finden Sie hier.
nach oben Nach oben