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Beitrag von Michel Reimon aus Training aktuell 09/25, September 2025
Bereits in den 1940er-Jahren prägte der amerikanische Psychologe Edward Chace Tolman den Begriff der kognitiven Landkarte (Cognitive Map) als Gegensatz zur behavioristischen Vorstellung des Lernens durch einfache Reiz-Reaktions-Muster. In Labyrinthexperimenten mit Ratten konnte Tolman zeigen, dass die Tiere nicht nur Bewegungsabfolgen auswendig lernten, sondern sich ein inneres Abbild des Raumes erarbeiteten. Sie konnten Abkürzungen nehmen, Umwege finden und Umstellungen im Labyrinth flexibel bewältigen. Sie legten also mentale Karten an, mit denen sie sich im Raum orientierten. Diese Karten waren nicht lückenlos oder objektiv, aber funktional.
Was bei Ratten im Labyrinth sichtbar wurde, lässt sich auf das menschliche Lernen übertragen: Auch Menschen lernen nicht linear. Sie entdecken, erkunden und verknüpfen. Dabei bauen sie geistige Landschaften auf, die bekannte Wege, blinde Flecken, Kreuzungen, Brücken, Hindernisse und Umleitungen enthalten. Wissen ist in diesem Fall kein Stapel von Fakten, sondern ein Netzwerk aus Chunks (Bedeutungseinheiten), die auf mentale Weise miteinander verknüpft sind. Jeder neue Begriff und jede neue Erfahrung ist wie eine Kreuzung, die mit anderen verknüpft wird – oder auch nicht. Sagt man etwa „Himalaya“, springt ein Zuhörender in seiner mentalen Karte womöglich zu „Nepal“, „Mount Everest“ oder „Trekkingtour 2016“ – je nachdem, welche Routen er oder sie bereits angelegt hat.
Menschen lernen nicht linear, sondern entdecken, erkunden und verknüpfen. Dabei bauen sie geistige Landschaften auf, die bekannte Wege, blinde Flecken, Kreuzungen, Brücken, Hindernisse und Umleitungen enthalten.
Lernen ist in dieser Logik daher auch keine passive Aufnahme von Informationen, sondern ein aktiver Erkundungsprozess, der vergleichbar ist mit dem Versuch, sich in unbekanntem Gelände zurechtzufinden. Wer zum ersten Mal in einer fremden Stadt unterwegs ist, bildet Hypothesen über Zusammenhänge: Wo liegt das Zentrum? Gibt es eine Abkürzung? Wo führt diese Straße hin? Und diese Hypothesen können falsch sein. Ein drastisches Beispiel dafür ist Christoph Kolumbus, der bis zu seinem Tod glaubte, einen neuen Seeweg nach Indien entdeckt zu haben, obwohl er sich längst auf einem anderen Kontinent befand. Seine innere Karte war zwar falsch, aber für ihn plausibel genug, um die Navigation zu ermöglichen. Erst spätere Kartografen, die über bessere Daten, andere Perspektiven und mehr Verknüpfungen verfügten, konnten die echte Geografie des neu entdeckten Landes erfassen.