Reflexion

Kolumne
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Zwischen Reiz und Reaktion

Ein Coaching-Klient schlägt jeden guten Rat in den Wind, eine Seminarteilnehmerin motzt: Es gibt Situationen, in denen Weiterbildner am liebsten aus der Haut fahren würden. Doch auf einen Reiz muss nicht immer eine automatische Reaktion folgen. Wer sich den Raum dafür nimmt, kann reflektiert agieren und damit Freiheit gewinnen.

Vor einiger Zeit stürmte ich verspätet aus einem Termin in die Tiefgarage und hechtete ins Auto, um meinen Flug noch zu erwischen. Der Motor sprang gerade an, als das Handy brummte. Reflexartig nahm ich den Anruf an und hatte kaum „Hallo“ gesagt, als es an die Seitenscheibe klopfte. Entnervt sah ich mich einer älteren Dame gegenüber: „Wissen Sie nicht, dass Sie den Motor wegen Vergiftungsgefahr abstellen müssen?“

Über meine wenig charmante Antwort breite ich lieber den Mantel des Schweigens aus. Beleidigend war sie zwar nicht, unhöflich aber allemal, und im Recht war die Dame obendrein. Mein Verhalten war falsch, aber wir alle sind Menschen, in denen manchmal die Urzeit das Zepter schwingt, in der es nur totstellen, wegrennen oder draufhauen gab. Irgendetwas in uns will sich ständig wehren – und man weiß bisweilen gar nicht, wogegen eigentlich.

„Zwischen Reiz und Reaktion gibt es einen Raum. In diesem Raum haben wir die Freiheit und die Macht, unsere Reaktion zu wählen. In unserer Reaktion liegen unser Wachstum und unsere Freiheit.“ Heute wünsche ich mir, diesem Satz Viktor Frankls an jenem Tag gefolgt zu sein. In meinen Beratungsprojekten erlebe ich oft, dass den Menschen dieser Raum verschlossen bleibt. Und das ist nicht situativ, sondern meist ein zerstörerisches Stück Kultur, das nur schwer aus den Köpfen und den Herzen zu bekommen ist.

Zwischen Reiz und Reaktion liegt der Raum der Reife.

Heute lege ich das Zitat so aus, dass zwischen Reiz und Reaktion der Raum der Reife liegt – eine Wahrheit, die uns als Trainerinnen, Coachs und Beratern zwar unbewusst einleuchtet, die uns handelnd aber nicht immer zur Verfügung steht. Eine HR-Einkäuferin nörgelt an unserem Angebot herum, im Workshop mault jemand hörbar, dass er „Besseres zu tun hat, als hier zu verschimmeln“ oder unser Coaching-Klient schlägt jeden guten Rat in den Wind, fragt aber mies gelaunt, wieso er eigentlich so viel berappt, „wenn das doch alles nichts bringt“.

Eine gemeinsame Basis suchen

Wenn mal wieder alles zum Aus-der-Haut-Fahren ist, beweist unsere Reaktion, ob wir als Mentorin oder Ratgeber taugen. Ich folge dann gerne einem Programm, nach dem ich zuerst verstehen will, ob mein Gegenüber tatsächlich meint, was ich zu hören glaube. Falls ja, woher stammt diese Einschätzung, und was ist das Motiv dahinter? Was macht das warum mit mir, und wie kann ich die Lage entschärfen? Danach suche ich eine gemeinsame Basis mit den Betreffenden: Was wollen wir zusammen erreichen, wo hakt es wirklich statt nur gefühlt, und welche Hebel stehen uns zur Verfügung? Oft müssen wir hier selbst lernen, was wir lehren. Aber wenn wir unsere eigenen Auslöser für Scham- und Schuldgefühle kennen, können wir reflektiert auf diese emotionalen Trigger reagieren. 

Der Autor: Der Strategie- und Veränderungsexperte, Vortragsredner und Autor (jüngst: „Die Berater-Bibel“) Matthias Kolbusa berät Konzerne wie Daimler und die Telekom sowie High-Performance-Mittelständler. Als Kopf und Inhaber von Consulting Mastery teilt er sein Wissen in einer Online-Akademie, bei Live Events und in Vier-Augen-Coachings mit seinen Kolleginnen und Kollegen. Kontakt: kolbusa.de

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