Reflexion

Denkimpuls
Denkimpuls

Der Elefant im Coachingraum

Wenn Klientinnen und Klienten im Coaching Wesentliches verschweigen, kann Vertraulichkeit zur Falle werden: Der Prozess läuft weiter, das womöglich Entscheidende bleibt aber tabu. Coach Horst Lempart zeigt im neuen Denkimpuls, wie Coachs dabei zwischen Loyalität und Komplizenschaft geraten. Sein Plädoyer: Vertraulichkeit so rahmen, dass Coaching nicht zur Beichte wird, sondern auch mit Leerstellen funktionieren kann.

Es gibt Coachings, die fühlen sich ein bisschen an wie ein Improvisationstheater mit Maulkorb. Der Klient vertraut mir an, dass er eine Affäre hat, eine Diagnose verheimlicht oder sich der Chef plötzlich als Möchtegern-Casanova entpuppt. Und dann kommt der Satz, der alles verändert: „Aber bitte – das bleibt unter uns.“ Zack – Schweigegelübde.

Und da sitze ich nun: wissend, aber sprachlos. Zwischen Auftrag, Ethik und Empathie balanciere ich wie ein Seiltänzer über dem Abgrund der Kommunikationsvermeidung. Denn während wir brav über Ziele, Prioritäten und Work-Life-Balance reden, steht im Raum ein Elefant, der laut schnaubt und gelegentlich mit dem Rüssel winkt. Nur: Ich darf ihn nicht ansprechen.

Natürlich gehört Vertraulichkeit zum Handwerkszeug eines Coachs. Sie schafft Sicherheit, Tiefe, Vertrauen. Doch sie kann auch zur Hypothek werden, wenn sie zentrale Themen ausklammert, die für den Coachingprozess entscheidend wären. Die klassische Frage lautet dann: „Wie arbeite ich an einem System, wenn ich ein Stück der Systemwahrheit nicht einbringen darf?“

Vertraulichkeit schafft Sicherheit, Tiefe, Vertrauen, doch sie kann auch zur Hypothek werden, wenn sie zentrale Themen ausklammert, die für den Coachingprozess entscheidend wären.
Hier zeigt sich die feine Linie zwischen professioneller Loyalität und unbewusster Komplizenschaft. Wir wollen unterstützen, nicht decken. Wir wollen fördern, nicht verschweigen. Und trotzdem – wir dürfen nicht alles sagen.

Coaching ist kein Beichtstuhl

Also, was tun? Auftrag neu verhandeln? Coaching ablehnen? Oder einfach tief durchatmen und denken: „Nun ja, jeder hat halt seine Geheimnisse …“ Die Antwort ist so individuell wie der Coach selbst. Wichtig ist, sich nicht vom Geheimnis vereinnahmen zu lassen. Mir hilft es weiter, den Prozess im Blick zu behalten, nicht den Plot. Vielleicht geht es gar nicht darum, was verschwiegen wird, sondern darum, wie ich damit umgehe.

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Und manchmal, wenn der Elefant besonders laut schnaubt, hilft Humor. Ein inneres Augenzwinkern, das bedeutet: „Na, mein Freund, ich weiß, dass du da bist – aber heute bist du nur stiller Beobachter.“ Denn letztlich ist Coaching kein Beichtstuhl. Es ist ein Begegnungsraum, in dem Menschen wachsen dürfen – auch mit ihren Geheimnissen.

Unsere Aufgabe als Coachs ist es nicht, jedes Puzzleteil offenzulegen, sondern dafür zu sorgen, dass der Klient trotz mancher Leerstellen ein stimmiges Bild erkennen kann. Oder, wie eine Kollegin einmal sagte: „Manchmal ist der Elefant gar nicht das Problem. Sondern die Erwartung, dass wir ihn zähmen müssen.“

Der Autor: Horst Lempart ist Coach, Supervisor, Autor und Speaker mit eigener Praxis in Koblenz. Er bezeichnet sich selbst als „Der Persönlichkeitsstörer“. Zu seinen Kernthemen gehören: Persönlichkeitsentwicklung, Selbststeuerung und Wandel gestalten. Kontakt: horstlempart.de

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