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Beitrag von Horst Lempart aus Training aktuell 01/25, Januar 2025
Menschen sind Konstruktionskünstler – selbst dann, wenn sie zwei „linke Hände“ haben. Davon sind zumindest Systemiker überzeugt, die Denk- und Erklärungsprozesse als Wirklichkeitskonstruktionen verstehen. Eine Wirklichkeitskonstruktion fußt auf Wahrnehmung, Fokussierung und Selektion: Wir verengen unseren Aufmerksamkeitsbereich und nehmen Dinge wahr, die für uns relevant sind. Bei diesem schöpferischen Akt passiert etwas ganz Entscheidendes: Die Wahrnehmung wird zur eigenen Wahrheit. „Aber ich habe es doch mit eigenen Augen gesehen, mit eigenen Ohren gehört!“ könnte die Aussage dahinter lauten. Der Haken ist nur: Andere könnten die gleiche Situation aus einem ganz anderen „Blick-Winkel“ gesehen, die Aussage ganz anders gehört haben (wer kennt es nicht, das Modell mit den Ohren …?).
Damit trägt jeder Mensch, ohne bewusst zu täuschen oder gar zu lügen, seine eigene Wahrheit mit sich herum – und somit zu einem erschwerten Zusammenleben bei. So können Richter ein Liedchen davon singen, wie herausfordernd es mitunter ist, die „Wahrheit“ herauszufinden. Man geht davon aus, dass allein bei Verkehrsunfällen rund drei Viertel aller Zeugenaussagen falsch sind. Der Grund: Die Erinnerung ist ein dünnes Eis, da wir Stimmigkeit in unseren Narrationen brauchen und uns deshalb die Welt so erklären, dass sie für uns passt.
Jeder Mensch trägt, ohne bewusst zu täuschen oder gar zu lügen, seine eigene Wahrheit mit sich herum.
Die Welt „da draußen“ könnte daher auch ganz anders sein, als sie uns erscheint. Eine Welt, die unseren Augen, Ohren und allen anderen Sinnesorganen bisher verschlossen war. Eine Art „ver-rückte Welt“, die aus der bisherigen Denkspur fällt und uns deshalb zum Zweifeln bringt – und somit zum Lernen. Lernen umfasst nämlich das Anzweifeln bisheriger Überzeugungen, ohne in Selbstzweifel zu verfallen. Lernen bedeutet, neue Erfahrungen zu machen, die ebenfalls gültig sind, ohne dass uns alte Erfahrungen gleichgültig werden oder aus unserer Geschichte verschwinden. Lernen füllt unseren Erfahrungsspeicher: die neue Erkenntnis ist „merkwürdig anders“ und daher des Merkens würdig. Sicher, dieser Vorgang erfordert Energie, eine Denk-Leistung – und widerstrebt vielleicht zunächst unserem Hirn, das ein fauler Hund ist und Gewohnheiten mag, weil sie Energie schonen. Doch es mag eben auch Überraschungen, weil sie das Belohnungszentrum aktivieren und uns ein gutes Gefühl schenken.
Eine Aufgabe von Coachings sehe ich darin, diese Freude am Lernen zu stimulieren, Aha-Effekte zu ermöglichen, merkwürdig zu denken. Womöglich hat die Natur unseren Kopf auch deshalb rund geformt, damit er bequem die Denkrichtung ändern kann und sich Überzeugungen in keiner Ecke verfangen.
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