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Denkfallen durchdacht
Denkfallen durchdacht

Der Bike-Shed-Effekt

Wenn Teilnehmende in Seminaren bei wichtigen Entscheidungen auf Nebensächlichkeiten ausweichen, ist das kein Zeichen fehlender Motivation oder unzureichender Moderation. Hinter solchen Abschweifungen steckt häufig ein Schutzmechanismus: der sogenannte Bike-Shed-Effekt. Welche psychologischen und neurowissenschaftlichen Erklärungen es dafür gibt und wie Trainerinnen und Trainer damit umgehen können, erläutert Ingrid Gerstbach im dritten Teil ihrer Serie zu Denkfallen in der Trainingspraxis.

Vorne steht die Trainerin oder der Trainer und hat ein anspruchsvolles Thema vorbereitet, etwa „Entscheidungsfindung in Zeiten von Unsicherheit“, „Selbstverantwortung“ oder „Veränderungsbereitschaft“. Doch schon nach wenigen Minuten wird die Gruppe unruhig. Die Aufmerksamkeit richtet sich plötzlich auf scheinbar Nebensächliches: die Reihenfolge der Übungen, die Farbe der Moderationskarten oder die Länge der Pause. Energie ist im Raum – allerdings nicht dort, wo sie gebraucht wird.

Was hier wirkt, ist ein psychologisches Phänomen, das als sogenannter Bike-Shed-Effekt bekannt ist. Er beschreibt unsere Tendenz, komplexe, folgenreiche Themen zu vermeiden und stattdessen über einfache, ungefährliche Details zu diskutieren. Der Effekt wurde nach einem fiktiven Beispiel des britischen Historikers C. Northcote Parkinson benannt. Demnach versinkt ein Komitee, statt wichtige Entscheidungen zu treffen, in banalen Details – wie der Farbe eines Fahrradschuppens (engl. „Bike Shed“).

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Dieses Ablenkungsmanöver hat einen logischen Hintergrund. Unsicherheit wird als Bedrohung erlebt: Hier könnte ich etwas nicht verstehen oder mich exponieren. Über vermeintlich Belangloses zu sprechen, ist dagegen sicher. Nur durch das „Ich weiß es nicht“ und das Thematisieren neuer, unbequemer und wichtiger Themen wird jedoch Lernen möglich. Dafür ist das Klima in der Gruppe oder im Raum jedoch entscheidend. Gruppen lernen mehr, machen weniger Fehler und sind kreativer, wenn Unwissen ausgesprochen werden darf. Lernen beginnt also dort, wo niemand beweisen muss, kompetent zu sein.

Lernen beginnt dort, wo niemand beweisen muss, kompetent zu sein.

Entscheidendes Signal für das Training

Für Trainerinnen und Trainer bedeutet das: Wenn Gruppen ins Triviale ausweichen, ist das ein Signal. Es ist kein Widerstand gegen die Trainerin oder den Trainer selbst, sondern gegen das innere Risiko, sich mit etwas Bedeutungsvollem auseinanderzusetzen, mit dem man sich – noch – nicht auskennt. Drei bewährte Interventionen für die Trainingspraxis:

  1. Unwissen sichtbar machen: Der Trainer kann die anspruchsvolle Lernsequenz selbst mit einer offenen Frage oder einer eigenen Unsicherheit beginnen. Das senkt die soziale Eintrittshürde für die Gruppe.
  2. Das Schwierige zuerst: Kognitive Energie ist begrenzt. Herausfordernde Inhalte sollten daher früh behandelt werden – nicht erst nach der Mittagspause.
  3. Unbehagen dosieren: Es hilft, bewusste kurze Phasen für schwierige Themen einzuplanen. Oft reicht es schon, diese zu benennen und überhaupt zu betreten. Das Gehirn beruhigt sich schneller als erwartet.

Die Autorin: Ingrid Gerstbach hat Wirtschaft und Bildungswissenschaften in Wien sowie Wirtschaftspsychologie in Hamburg studiert. Als Consultant berät sie internationale Unternehmen und hat dabei selbst häufig damit zu tun, psychologische Effekte zu entschärfen. In ihrem Buch „Die 7 Ausreden der Unternehmen“ beschreibt sie diese Denkfehler und wie man sie überwindet. Kontakt: ingridgerstbach.com

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