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Beitrag von Klaus Eidenschink aus Training aktuell 04/26, April 2026
Empathisch sein gilt – jedenfalls in vielen Berater-, Coach- und HR-Kreisen – als gut. Wie bei allen Wertungen von Phänomenen drohen auch in diesem Fall blinde Flecken zu entstehen, in denen die Einfühlung in andere Menschen dysfunktional wird. Wann wird Empathie für die Empathiespender schlecht? Wann für die Empathieempfänger?
Zunächst will ich auf die Seite schauen, die sich einfühlen will. Wer empathisch auf andere eingeht, schadet sich selbst dann, wenn er das als Überlebensfunktion von klein auf entwickeln musste. Wenn Kinder Eltern haben, die in uneingestandenen seelischen Nöten sind (also etwa unaufgearbeitete traumatische Erfahrungen haben), dann sind diese Eltern seelisch nur begrenzt erreichbar. (Manche) Kinder versuchen, das auszugleichen, indem sie besonders starke Antennen für die Eltern und später auch für alle anderen ausbilden, um mithilfe eigener (!) Einfühlsamkeit Bindung zu anderen zu bekommen, die sie vermissen. Sie nutzen ihre natürliche Begabung und werden hypersensibel. Sie spüren, was das Gegenüber nicht spürt oder spüren will. Sie werden überempathisch und geraten damit in ein „symbiotisches Wir“. Sie fühlen für den anderen quasi mit und ertragen schlecht, wenn andere sich abschotten. Das ist – nebenbei bemerkt – einer der Gründe, warum besonders einfühlsame Menschen häufig an eher kühle oder emotional abgeschirmte Partner kommen oder diese attraktiv finden.
Wer empathisch auf andere eingeht, schadet sich selbst dann, wenn er das als Überlebensfunktion von klein auf entwickeln musste.
Ähnliches gilt für soziale Berufe oder HR-Jobs, die Empathie fordern. Menschen, die mit dieser „Unerreichbarkeit“ solchermaßen notleidender Menschen groß geworden sind, sehen in der gegenwärtigen Unerreichbarkeit von Partnern, Klienten oder Kollegen fast zwangsläufig eine zu lösende Aufgabe, der man sich anzunehmen hat. Man wird zum Erlöser des Leids anderer. Eine interessante Lektüre dazu ist etwa die autobiografische Schilderung „Der Erlöser der Mutter auf dem Weg zu sich selbst“ des Psychoanalytikers und Körpertherapeuten Tilmann Moser.