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Beitrag von Karsten Drath aus managerSeminare 330, September 2025
Resilienz wurde einst als Wunderwaffe gegen Stress, Krisen und Unsicherheit verkauft – heute ist sie nur noch ein Zerrbild, das bei vielen Führungskräften und Mitarbeitenden zu Augenrollen führt. Coachs und HR-Professionals müssen dieser unbequemen Wahrheit ins Auge blicken: Der klassische Resilienzansatz, der ausschließlich auf individuelle Widerstandskraft setzt, gleicht einem Pflaster auf einer offenen Wunde. Er heilt nicht, sondern verdeckt nur oberflächlich die tiefer liegenden Probleme.
Warum? Ganz einfach: Resilienz wurde zu lange allein als persönliche Aufgabe verstanden. Die Botschaft lautete: „Mach dich selbst stark, dann kommst du durch jede Krise.“ In der Pandemie sind Unternehmen auf diesen Schnellzug aufgesprungen, Coachs und Trainer lieferten bereitwillig das schnelle Heilmittel, doch im Nachhinein zeigt sich: Der Fokus auf die einzelne Person, ohne Thematisierung der systemimmanenten Rahmenbedingungen, führt bei vielen Menschen heute zu Zynismus gegenüber dem Konzept der Resilienz. Ein Bärendienst für uns alle. Heute ist der Krankenstand in westlichen Industrieländern deutlich höher als zu Zeiten der Covid-Pandemie. Nach Atemwegserkrankungen steht das Thema mentale Gesundheit – und hier vor allem Angststörungen – an zweiter Stelle. Das ist das erste Paradox, das die aktuelle Zeit prägt: Wir sind krank vor Angst, und gleichzeitig will keiner mehr etwas von Resilienz hören.
Und wovor haben wir Angst? Ein Blick auf Deutschland zeigt: Laut aktueller Studie der R+V Versicherung dominieren Verlustängste unsere Gesellschaft. Steigende Lebenshaltungskosten, Wohnungsnot und politische Polarisierung zeichnen ein düsteres Bild der Zukunft. Bildlich gesprochen starren wir kollektiv in den Abgrund und überzeugen uns gegenseitig davon, dass es für uns als Nation des globalen Nordens von jetzt an nur noch bergab gehen wird. Und was ist das Gegenteil von Angst? Es ist nicht „Freiheit von Angst“, sondern „Hoffnung trotz Angst“. Das Wort dafür ist Zuversicht. Was unserer Gesellschaft fehlt, ist eine kollektive Zuversicht – eine positive Zukunftsvision und eine Führung, der man diese auch abnimmt. Dies ist zunächst vor allem ein gesellschaftliches Problem, doch Unternehmen zahlen den Preis, wenn Mitarbeitende aufgrund der zahlreichen Krisen einfach nicht mehr können und ausfallen.
Die Aufforderung „Seid resilienter!“ klingt in dieser Situation wie der zynische Rat an einen Ertrinkenden, er solle an seiner Technik arbeiten. Dennoch hängen Unternehmen, Führungskräfte und auch viele Coachs weiterhin dem Glauben an ein individualistisches Resilienzkonzept an und vertrauen auf die Wirkung von Resilienzworkshops und -coachings. Denn so kann man sich beruhigt zurücklehnen und sagen: „Wir haben getan, was wir konnten.“ Und doch bleiben die Krankheitstage auf Rekordniveau, denn ein toxisches System kann nicht dauerhaft durch persönliche Stärke kompensiert werden. Wer in einem brennenden Haus sitzt, braucht keinen Kurs in Hitzebeständigkeit, sondern dringend die Feuerwehr.
Hier kommt das zweite Paradox unserer Zeit ins Spiel, diesmal in Bezug auf Führung: Wenn Angst im System umgeht, ist oft der erste Impuls, hart durchzugreifen und Mitarbeitende an der kurzen Leine zu führen. Die aktuelle, auf Härte, Abgrenzung und Kontrolle setzende Rhetorik aus Russland, Israel oder auch den USA zeigt deutlich, dass Härte in unsicheren Zeiten immer gern als Stärke verkauft wird. Elon Musk lässt grüßen mit seinem Satz: „Die größte Schwäche der westlichen Zivilisation ist ihre übermäßige Empathie.“ Auch in deutschen Unternehmen ist diese Rhetorik zunehmend spürbar. Doch genau hier liegt die paradoxe Herausforderung moderner Führung: Gerade wenn der Sturm am heftigsten tobt, brauchen Menschen nicht Misstrauen, Ausgrenzung und Druck. Sie brauchen Empathie und psychologische Sicherheit – den Leuchtturm, der Zuversicht vermittelt und Orientierung gibt.
Unternehmen, die verstanden haben, dass Angst ein schlechter Ratgeber ist, investieren daher nicht nur in Resilienztrainings. Sie kultivieren aktiv ein Umfeld der psychologischen Sicherheit, in dem Zuversicht nicht nur gepredigt, sondern gelebt wird. Familienunternehmen punkten hier durch langfristige Orientierung und Wertebewusstsein. CSR-orientierte Firmen begeistern ihre Mitarbeitenden mit sinnstiftender Arbeit und nachhaltigen Zielen. Unternehmen wie Patagonia oder VAUDE zeigen eindrucksvoll, wie werteorientierte Führung und nachhaltige Produkte gleichermaßen wirtschaftlichen Erfolg und menschliches Wohlergehen ermöglichen. Fun Fact: In solchen Unternehmen haben Mitarbeitende nicht nur mehr Zuversicht, diese Unternehmen sind auch wirtschaftlich gesünder und weniger anfällig für Krisen.
Doch wie gelingt es, eine solche resilienzfördernde Unternehmenskultur zu etablieren? Dies bringt uns zum dritten Paradox: Kultur und Kontrollillusion. Im Großen und Ganzen gibt es drei entscheidende Hebel der Organisationsentwicklung: Strategie, Struktur und Kultur. Führungskräfte neigen dazu, sich am liebsten mit Strategie und Struktur zu beschäftigen. Warum? Weil dies relativ einfach zu bewerkstelligen ist, schnell geht und ein Gefühl von Kontrolle gibt. Natürlich beeinflusst eine Änderung der Struktur auch die Kultur, allerdings völlig ungelenkt, so wie beim Fischen mit Handgranaten. Damit fängt man Fische, aber tötet auch vieles andere, das man eigentlich hätte bewahren wollen.
Wenn Führungskräfte sich dann doch einmal mit Kultur beschäftigen (weil Kultur bekanntlich Strategie zum Frühstück verspeist), versuchen sie, diese ebenfalls mit großem Druck wie ein technisches System zu steuern. Das Ergebnis auch hier: eine Kontrollillusion. Dabei entsteht Unternehmenskultur emergent. Sie ist wie ein lebendiges Ökosystem, das allmählich wächst, gedeiht und das manchmal auch erschüttert werden muss, um sich weiterzuentwickeln. Eine Veränderung ist möglich, braucht aber eine andere Form des Angangs und vor allem eines: einen langen Atem. Unsere Zeit verlangt daher nach Führungskräften, die erkannt haben, dass wahre Stärke nicht in Härte, sondern in Menschlichkeit liegt – und dass die langfristige Arbeit an der Kultur das fehlende Puzzlestück ist. Führungskräfte müssen lernen, wie Gärtner zu handeln. Sie müssen Bedingungen schaffen, damit Neues gut wachsen kann, statt ständig an den Pflanzen zu ziehen, damit sie schneller wachsen.
Wir haben es also mit drei Widersprüchen zu tun: Erstens: Wir sind krank vor Angst – und wollen nichts mehr von Resilienz wissen. Zweitens: Angst führt zu Härte und Kontrolle in der Führung – doch was wir brauchen, ist Zuversicht, Vertrauen und ein Gefühl von Sicherheit. Und drittens: Die Unternehmenskultur könnte die Lösung sein – doch sie entzieht sich der Kontrollillusion. Mit Blick auf diese Gemengelage ist es höchste Zeit, den individuellen Resilienzansatz endgültig zu begraben. Resilienz, wie wir sie kannten, ist tot! Stattdessen muss sie zwingend systemisch gedacht werden. Der Ton in der Führung und der Umgang miteinander hängen eng mit der Zuversicht der Mitarbeitenden zusammen. Dies gilt umso mehr, wenn die Zeiten hart und undurchsichtig sind. Es lebe eine Führungskultur, die echte Zuversicht fördert und Menschen nicht nur beim Überleben unterstützt, sondern sie zum Wachsen befähigt. Resilienzworkshops und -coachings sind zwar bequem und lassen sich mit etwas Einarbeitung gut bewältigen. Doch ursächlich hilft nur eine Veränderung des Systems. Sind wir bereit dafür? Lasst uns endlich den Mut haben, nicht nur an Symptomen zu laborieren, sondern tiefgreifende Veränderungen anzustoßen!
Der Autor: Karsten Drath ist Diplom-Ingenieur und MBA zertifizierter Executive Coach, Dozent am Center for Responsible Leadership der WHU in Koblenz, Speaker und Sachbuchautor mit den Schwerpunkten Führungskräfteentwicklung und psychische Widerstandsfähigkeit. Drath ist zudem einer der geschäftsführenden Partner der Leadership Choices GmbH und Mitgründer der Cosmikk-Foundation. Kontakt: leadership-choices.com
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