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Beitrag von Uwe Seebacher aus managerSeminare 337, April 2026
Stellen wir uns eine typische Szene in einem mittelständischen Unternehmen vor: Ein Projektteam sitzt am Montagmorgen im Konferenzraum, auf der Agenda stehen die nächsten Schritte für ein wichtiges Kundenprojekt. Der Abteilungsleiter – energisch, stets darauf bedacht, seine Überstunden zu betonen – hält ein flammendes Plädoyer: „Wir müssen jetzt alle Register ziehen, notfalls bis spät in die Nacht arbeiten, um den Kunden zufriedenzustellen“, betont er, schlägt Sonderschichten vor und überschüttet das Team mit Zahlen. Am anderen Ende des Tisches meldet sich eine Teamleiterin leise zu Wort. Sie hat das Projekt am Wochenende durchdacht und einen konkreten Vorschlag vorbereitet, wie sich mit zwei gezielten Maßnahmen 80 Prozent der Anforderungen erfüllen ließen – ohne Nachtschichten. Doch im Eifer des Meetings geht ihre Stimme unter. Der Abteilungsleiter wischt den Einwand mit einem knappen „Dafür haben wir jetzt keine Zeit“ beiseite, während schon die nächste To-do-Liste an die Wand geworfen wird. Die Teamleiterin verstummt frustriert. Die Kollegen tauschen Blicke – wieder einmal setzt sich der Lauteste durch, nicht die Klügste.
So oder ähnlich spielen sich Tag für Tag Szenen in unseren Büros ab. Wenn Blender und Tüchtige im Arbeitsalltag aufeinandertreffen, prallen Lautstärke und Substanz aufeinander. Der eine macht mit Show und Aktionismus Eindruck, die andere schafft mit klarem Denken und Fokus echten Wert – wird aber kaum gehört. In einer Arbeitskultur, in der Geschäftigkeit oft mit Erfolg gleichgesetzt wird, versucht mancher, geistige Windstille mit Hektik zu kaschieren – und kommt damit durch. So gilt derjenige, der spätabends noch E-Mails verschickt, als Vorbild. Wer dagegen pünktlich Feierabend macht, weil er seine Aufgaben effizient erledigt hat, erntet misstrauische Blicke und gerät schnell in Verdacht, faul zu sein – was natürlich als Laster gilt.
„Effizient faul zu sein, heißt nicht, nichts zu tun. Es heißt, das Falsche nicht mehr zu tun.“
Tun zählt in unserer heutigen Geschäftswelt stets mehr als Lassen. Was dabei übersehen wird: Gerade das absichtsvolle Nichtstun kann zur produktivsten Handlung überhaupt werden. Man kann und sollte sogar „effizient faul“ sein. Wohlgemerkt: Das heißt nicht, nichts zu tun. Es heißt, das Falsche nicht mehr zu tun. Es bedeutet, bloße Bewegung nicht mit echtem Fortschritt zu verwechseln. Wer sich das Pareto-Prinzip zu Herzen nimmt – 20 Prozent Einsatz bringen 80 Prozent des Ergebnisses – entdeckt eine neue Ethik der Arbeit: weniger, aber besser. Klarer, nicht lauter. Langsamer, aber richtiger.
Ein Beispiel, das diese Denkweise erhellt, stammt aus dem 8. Jahrhundert: Im Kloster Nālandā lebte ein buddhistischer Mönch namens Shantideva. Seine Mitmönche verspotteten ihn – er schlief, aß, ging aufs Klo, und … das war’s. Keine sichtbare Leistung, kein Engagement, keine Aktivität. Sein Spitzname: Bhūsuku – „der, der nur isst, schläft und sich erleichtert“. Als man ihn öffentlich bloßstellen wollte und ihn zwang, einen Dharma-Vortrag zu halten, überraschte er alle: Aus dem Stegreif rezitierte er eines der tiefgründigsten Werke des Mahayana-Buddhismus – den Bodhicaryāvatāra, den „Weg des Bodhisattva“. Was als Spott begann, wurde zu einem spirituellen Meilenstein.
Shantideva erinnert uns an eine Wahrheit, die modernen Organisationen abhandengekommen ist: Nicht alles, was sichtbar ist, ist auch wirksam. Und nicht jeder, der schweigt, hat nichts zu sagen. Die größte Form der Kompetenz ist oft die, die sich nicht zur Schau stellt. Es sind die Denkenden, nicht die vermeintlichen „Dauerperformer“, die den Lauf der Dinge wirklich verändern. Oftmals wird zu Recht auch von der Helikopter-Taktik gesprochen – viel Staub aufwirbeln und, bevor sich der Nebel des Geschwurbels legt, längst wieder woanders sein.
Die eingangs geschilderte Teamleiterin dagegen handelte im Geist der Effizienz: Sie suchte gezielt nach dem einen Ansatz, der mit wenig Aufwand den größten Fortschritt bringt, statt blind mehr Arbeit zu verteilen. Genau solche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter braucht die Zukunft – Menschen, die sich trauen, erst zu verstehen, bevor sie handeln. Ihre scheinbare Faulheit ist in Wirklichkeit konzentrierte Wirksamkeit. Wer regelmäßig innehält und sich fragt „Was wirkt wirklich und warum?“, kann Ballast abwerfen und sich auf das Wesentliche konzentrieren. Das Resultat ist für beide Seiten positiv, Unternehmen wie auch Mitarbeitende: weniger Stress, mehr Zeit für Kreativität und Innovation.
„Ausgerechnet moderne Technologie kann dabei helfen, effizient faul zu sein. Nicht, weil sie schneller macht, sondern weil sie unterscheidet: Prädiktive Systeme filtern Relevanz aus Komplexität.“
Interessanterweise kann ausgerechnet moderne Technologie dabei helfen, effizient faul zu sein. Nicht, weil sie schneller macht, sondern weil sie unterscheidet. Weil sie aufzeigen kann, was wichtig ist und was nicht. Denn: Prädiktive Systeme filtern Relevanz aus Komplexität. Aber Technologie allein genügt nicht. Ohne eine Kultur der Reflexion bleibt sie bloßes Werkzeug – oder schlimmer noch: ein Verstärker des Überflüssigen. Entscheidend ist die innere Haltung. Wer dem Müßiggang einen Platz im Denken einräumt, gewinnt an Übersicht. Wer sein Handeln nicht über Quantität, sondern über Bedeutung definiert, wird zur Quelle von Orientierung. Wie schon Laotse sagte: „Nicht der beschäftigtste Mensch hat das meiste erreicht, sondern der, der am wenigsten getan hat, was nicht notwendig war.“
Am Ende lässt sich die Dynamik zwischen Lautstärke und Substanz, zwischen Tempo und Richtung in ein Bild fassen. Zwei Fahrer sind auf dem Weg zum selben Ziel: Der eine drückt voll aufs Gaspedal und schert laut hupend aus, hat aber keinen Plan – Hauptsache schnell. Der andere fährt zunächst langsamer, schaut auf die Landkarte, justiert den Kurs und beschleunigt dann in Ruhe. Wer kommt wohl stressfreier und pünktlicher ans Ziel? Geschwindigkeit nützt nichts, wenn sie in die falsche Richtung führt. Die leisen, überlegten Töne hingegen setzen die Richtung – und erreichen souverän ihr Ziel.
„Die Zukunft gehört nicht den Getriebenen, sondern den Denkenden.“
Vielleicht ist die Zukunft weniger laut, weniger hektisch – aber weitaus wirkungsvoller. Vielleicht beginnt Exzellenz nicht mit dem nächsten Task, sondern mit einem aufrichtigen Innehalten. Vielleicht ist der wirklich Tüchtige nicht derjenige, der immerzu handelt, sondern derjenige, der weiß, wann es Zeit ist, still zu bleiben.
Ich meine: Die Zukunft gehört nicht den Getriebenen, sondern den Denkenden. Effizient faul zu sein, ist kein Widerspruch, sondern eine intellektuelle Reifeprüfung. Wer das versteht, hat das Spiel der Arbeit neu definiert, ganz nach dem Motto: „Hast du es eilig, dann gehe langsam!“
Der Autor: Uwe Seebacher ist Berater, Unternehmer, Methoden- und Strukturforscher und Autor. Er hat an der WU Wien in Betriebswirtschaftslehre promoviert (PhD) und lehrt als Dozent und Professor h.c. an verschiedenen Institutionen und Hochschulen weltweit. Dabei richtet er seinen Fokus seit jüngstem vor allem auf das Feld Predictive Intelligence und Large Understanding Models (LUMs). Kontakt: uweseebacher.org
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