Schlauer lernen

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Das Schlechteste zuerst?

Henning Beck erklärt, warum es wenig sinnvoll ist, sich bei Problemlösungen auf das schlimmste aller Szenarien einzustellen.

Wir leben in stürmischen Zeiten. Wohin man auch schaut: Probleme, Krisen, Katastrophen. Wie soll man es nur schaffen, die wichtigsten Probleme konsequent zu lösen, wenn man permanent von lauter Aufgaben überrollt wird? Selbst im beruflichen Alltag türmen sich oftmals die To-dos und drängenden Probleme. Wohl dem, der dann die Übersicht bewahrt und gut priorisieren kann. Doch dabei begehen wir nicht selten einen folgenschweren Denkfehler: Wir fokussieren uns auf das schlimmste Szenario und versuchen, dieses abzuwenden. Wer den GAU im Griff hat, den haut schließlich gar nichts mehr um.

Tatsächlich wenden Menschen einen psychologischen Trick an, um Probleme zu klassifizieren und sie anschließend zu lösen – gerade dann, wenn die Ressourcen begrenzt sind und man beispielsweise zu wenig Zeit hat, um alle Aufgaben gleichwertig zu bearbeiten. In solchen Fällen sucht man tatsächlich nach dem schlimmstmöglichen Problem, um sich dann auf ebenjenen GAU vorzubereiten. Worst-First-Heuristik nennt sich dieses Prinzip. Ein Phänomen, das der deutschen Mentalität (der „German Angst“) sehr entgegenzukommen scheint. Schließlich diskutieren wir alle Probleme immer vor dem Hintergrund des schlimmstmöglichen, geradezu apokalyptischen Szenarios. Das eigentliche Problem dabei: Ein GAU tritt nicht allzu häufig ein.

Nun gut, ein explodierendes Atomkraftwerk kann einem ganz schön den Tag vermiesen – doch die Eintrittswahrscheinlichkeit ist so gering, dass man oftmals zu viele Ressourcen dafür aufwendet, um ebenjenen GAU zu verhindern. Ressourcen, die dann an anderer Stelle nicht zur Verfügung stehen. Während wir uns darauf konzentrieren, den Energie-Blackout (gleichsam den energetischen GAU des Winters) zu vermeiden, stellen wir fest, dass das viel größere Problem ist, dass wir zu wenige Leute haben, die Windräder, Wärmepumpen und Elektrotankstellen installieren können. Kunststück, wenn man sich immer nur auf das schlimmste Szenario vorbereitet. Denn dann verliert man die Bedrohungen aus den Augen, die weniger spektakulär, aber nicht weniger dramatisch angeschlichen kommen. Auf diese Weise spielt uns unsere Psyche einen Streich: Wir überbewerten die Wahrscheinlichkeit des Worst-Case-Szenarios, pumpen alle Ressourcen in die Vermeidung dieses GAUs und lassen uns so von viel weniger schwerwiegenden, aber deutlich häufigeren Gefahren bedrohen.

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Eng verwandt mit dieser Denkweise ist der sogenannte „Zero Risk Bias“: Man investiert übermäßig viel, bloß um auch das letzte Restrisiko zu minimieren. Es ist vergleichsweise billig, ein Kraftwerk, das in jedem Fall explodieren wird, nur noch mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent explodieren zu lassen. Doch es wird sehr teuer, um auch die letzten 0,0005 Prozent Explosionswahrscheinlichkeit zu eliminieren.

Fragen Sie die chinesische Regierung, wie teuer es ist, ein Atemwegsvirus mit null Toleranz einzudämmen. Was kann man tun? Fragen Sie sich immer konkret bei Ihren Problemen: Was wird mich am wahrscheinlichsten treffen? Suchen Sie nicht nach dem maximalen Schaden, sondern danach, was am wahrscheinlichsten aller Voraussicht nach eintreffen wird. Fangen Sie mit den leichtesten, aber häufigsten Problemen an. Bevor Sie sich an die Prävention des GAUs wagen, sollten Sie die kleineren Probleme schon gelöst haben. Nicht, dass Sie vor lauter Apokalypsen-Sorge die realistischeren Gefahren aus dem Auge verlieren.

Der Autor: Henning Beck ist Neurowissenschaftler, und zwar einer der verständlichen. In Vorträgen und Seminaren vermittelt er die spannenden Themen des Gehirns. Sein aktuelles Buch heißt „Das neue Lernen heißt Verstehen“. Kontakt: ­www.henning-beck.com

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