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Beitrag von Robert Steffen aus managerSeminare 339, Juni 2026
Kampf um Aufmerksamkeit: Warum es heute schwerer denn je ist, Menschen kommunikativ zu erreichen
Der Technik-Irrtum: Weshalb es beim Reden weniger um die perfekte Performance als um Persönlichkeit geht
Der Helden-Irrtum: Wieso man nicht die Hauptperson seiner Rede ist
Der Konflikt-Irrtum: Warum Verbindung nicht funktioniert, wenn Redner Probleme nicht benennen
Der Starke-Botschaft-Irrtum: Warum auch die beste Botschaft nicht automatisch bei Adressaten haften bleibt
Hier geht es zur gesamten Ausgabe managerSeminare 339
Am 28. August 1963 standen 250.000 Menschen in der sengenden Sonne vor einer Bühne in Washington. Sie waren aus allen Ecken der USA angereist, um gegen die Rassendiskriminierung zu demonstrieren. Sie hatten bereits Programmpunkt um Programmpunkt gelauscht und waren erschöpft, als irgendwann der letzte Redner des Tages ans Mikrofon trat: Martin Luther King Jr. Er redete gut. Man applaudierte ihm. Aber irgendetwas fehlte. Die Botschaft sprang nicht über. Das spürte auch Mahalia Jackson, Sängerin, Freundin und Weggefährtin Kings. Sie rief ihm deshalb aus der Nähe des Podiums zu: „Martin, erzähl ihnen von deinem Traum!“ King legte daraufhin sein Manuskript zur Seite – und sprach sie aus, die berühmten Worte: „I have a dream.“ Worte, die die Menschen bewegten. Worte, die bis heute berühren.
Mit den eigenen Worten Menschen überzeugen, sie inspirieren und bewegen zu können – das wünscht sich auch heute jede Rednerin, jeder Redner. Leider erscheint es schwieriger denn je. Denn nie wurde derart viel auf allen möglichen Kanälen kommuniziert wie heute. Nie prasselte so viel auf die Menschen ein; je nach Studie sind es pro Tag ca. 9.000 bis 11.000 Botschaften. Nie waren die Köpfe derart voll von Routinen, Erfahrungen, Glaubenssätzen, Wissen und Halbwissen, Eindrücken vom letzten Meeting, aktuellen Nachrichten ... Nicht nur das Reden auf großer Bühne, im Townhall Meeting, auf dem Management-Kongress, ist daher ein Ringen um Aufmerksamkeit. Dasselbe gilt auch für die Präsentation vor den kritischen – und überlasteten – Vorstandskolleginnen und -kollegen. Oder für die Ansprache ans Team in schwierigen Zeiten. Auch dabei ist es eine Herausforderung, die eigenen Gedanken so rüberzubringen, dass sie zu den Adressaten durchdringen und bei ihnen Wirkung zeigen.
Wirken durch Worte – das ist ein genuiner Teil des Führungsjobs. Dennoch erlebe ich es immer wieder: Selbst Führungskräfte, die ihr Thema lieben, die ein starkes Anliegen haben, die über tiefe Expertise und eine tolle Botschaft verfügen, erzeugen kommunikativ oft kaum Wirkung, wenn sie eine vorbereitete Rede oder Ansprache halten. Was die meisten dieser Führungskräfte leider nicht haben, ist eine Mahalia Jackson in der ersten Reihe, die zwinkert und ihnen zuruft: „Hey, worum geht’s dir eigentlich wirklich?“ Was sie dagegen haben, sind Rhetorik-Ratgeber. Die vermitteln zwar nichts Falsches. Aber – so sehe ich es zumindest – sie kratzen häufig nur an der Oberfläche und tragen so dazu bei, dass sich eine Reihe von Irrtümern über Rhetorik in den Köpfen breitgemacht hat. Lauter Missverständnisse, die Rednerinnen und Redner letztlich ihre Wirksamkeit kosten können. Auf acht typische Fehleinschätzungen übers Reden möchte ich näher eingehen – und einige Gedanken dazu anbieten, welche Sichtweise realistischer und der Wirkung förderlicher ist.