Für alle Fragen rund um unsere Webseite, unsere Medien und Abonnements finden Sie hier den passenden Ansprechpartner:
Übersicht Ansprechpartner
Beitrag von Martin Wehrle aus managerSeminare 339, Juni 2026
Susanne leitete eine Forschungsabteilung und berichtete mir von Tobias, einem hochkompetenten, aber sensiblen Mitarbeiter: „Egal, was ich sage, er versteht es als Angriff. Letzte Woche wollte ich nur eine Grafik in seinem Bericht korrigieren. Aber er klappte den Laptop zu und meinte bitter: „Nichts ist gut genug! Dann lass ich es halt.“ Ich nickte. Das war das klassische Muster: Eine Störung auf der Beziehungsebene korrumpierte die Sachebene. Susanne kommunizierte sachlich, aber bei Tobias kam die Botschaft an: „Ich schätze dich nicht!“. „Sie senden auf der Wellenlänge ‚Inhalt‘, aber Tobias empfängt auf ‚Beziehung‘“, erklärte ich ihr. „Solange Sie diesen Konflikt nicht offenlegen, wird jede Sachdiskussion im emotionalen Treibsand versinken.“
Wir beschlossen, ein Rollenspiel durchzuführen. Ich stellte Tobias dar – defensiv, leicht gekränkt, die Arme verschränkt. Susanne sollte versuchen, das Eis zu brechen. Ihr erster Versuch: „Tobias, wir müssen mal über deine sensiblen Reaktionen auf meine Rückmeldungen reden.“ Ich schüttelte den Kopf. „Stopp. Damit bewerten Sie ihn sofort wieder.“ Wir trainierten nun eine neue Haltung, in der sie nicht mehr bewertete, nur die Dynamik benannte. Im Rollenspiel tastete sie sich heran. „Tobias“, begann sie erneut, diesmal leiser, „ich nehme wahr, dass unsere Abstimmungsgespräche oft zu Spannungen führen. Mein Ziel ist es, dir fachliches Feedback auf die Projekte zu geben. Nur habe ich den Eindruck, dass meine Anmerkungen bei dir als persönliche Abwertung ankommen. Ist das so?“ In meiner Rolle als Tobias ließ ich die Schultern sinken. Das war der Moment der Öffnung. Wer eine Beziehungsstörung explizit anspricht, raubt dem Unausgesprochenen seine Macht. Wir übten, wie sie konsequent bei sich bleibt: „Mir ist wichtig, dass wir fachlich diskutieren können, ohne dass unser Verhältnis darunter leidet.“
Zwei Wochen später rief mich Susanne an. Sie hatte das Gespräch gewagt. „Es war am Anfang sehr intensiv“, berichtete sie. „Aber als ich die Beziehungsebene direkt ansprach, passierte etwas Erstaunliches. Er gab zu, dass er sich oft nicht gesehen fühlt. Wir konnten zum ersten Mal klären, wie wir Feedback geben und nehmen wollen, ohne dass jemand beleidigt den Raum verlässt.“ Das Modell der Trennung von Sach- und Beziehungsebene hatte funktioniert. Susanne hatte aufgehört, über kleine Fachthemen zu diskutieren, und angefangen, über die Art und Weise zu sprechen, wie beide miteinander umgehen.