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Beitrag von Martin Wehrle aus managerSeminare 338, Mai 2026
„Ich renne gegen unsichtbare Wände“, sagte Herr Markert. Er leitet die Produktion eines mittelständischen Familienunternehmens und versucht seit Monaten, ein neues Schichtsystem einzuführen. Eigentlich ein logisches Projekt, betriebswirtschaftlich sinnvoll, theoretisch wasserdicht. „Ich habe das Gefühl, das Team nickt alles ab. Aber sobald ich den Raum verlasse, ziehen alle die Handbremse.“ Ich beobachtete ihn kurz. Herr Markert suchte den Fehler in seiner Argumentation oder in den Excel-Tabellen. Er vermutete strukturelle Defizite, wo es in Wahrheit um informelle Dynamiken ging. „Herr Markert“, sagte ich, „lassen wir die Logik kurz beiseite. Wir machen eine 5er-Liste.“ Er sah mich skeptisch an. „Noch eine Liste? Ich habe schon genug To-do-Zettel.“ Ich lächelte. „Nein, keine Aufgaben. Personen. Schreiben Sie mir die fünf Namen auf, ohne deren informelles Okay Ihr Projekt garantiert stirbt. Und zwar völlig egal, was im offiziellen Organigramm steht.“
Das ist der Kern der 5er-Liste – man reduziert die Komplexität auf die tatsächlichen Machtzentren. Während es in Konzernen politische Landkarten mit fünfzehn oder mehr Akteuren braucht, entscheiden in mittelständischen Strukturen meist fünf Schlüsselpersonen über Sieg oder Niederlage. Herr Markert begann zu schreiben. Zuerst nannte er seinen Chef, den Inhaber. „Der ist gesetzt“, sagte ich, „aber wer noch? Wer ist der emotionale Anführer in der Werkshalle?“ Er stutzte. „Das ist eindeutig Bernd. Er ist seit dreißig Jahren im Betrieb. Wenn Bernd sagt, das neue System ist Mist, dann glaubt die Belegschaft das, egal was ich präsentiere.“ Wir notierten Bernd als den informellen Chef. Als Nächstes identifizierten wir die Leiterin der Buchhaltung als die Türhüterin, die den Daumen auf den Budgets hat, und einen jungen Vorarbeiter als den fachlichen Anker, auf den die anderen hören, wenn es technisch kompliziert wird. Zuletzt kam die langjährige Assistentin des Inhabers auf die Liste – die Brückenbauerin, die mehr hört als jeder andere im Haus.
„Und jetzt?“, fragte Herr Markert. Wir schauten uns die Liste an und bewerteten jeden Namen einzeln: Steht die Person hinter dem Projekt, ist sie neutral oder skeptisch? Es wurde schnell klar: Bernd und die Buchhalterin waren skeptisch. Herr Markert hatte bisher nur mit seinem Chef und dem Vorarbeiter gesprochen. Er hatte nicht alle wichtigen Leute überzeugt. „Sie müssen nicht das ganze Team überreden“, erklärte ich ihm. „Sie müssen Bernd verstehen. Wenn Sie ihn zum Mitgestalter machen, statt ihn vor vollendete Tatsachen zu stellen, löst sich der Widerstand der anderen von selbst. Und wenn Sie dann auch noch die Buchhalterin auf Ihre Seite holen, steht der Umsetzung nichts mehr im Weg.“ Für Herrn Markert war die 5er-Liste der Wendepunkt. Er hörte auf, gegen anonyme Widerstände zu kämpfen, und fing an, gezielte Gespräche mit den Menschen zu führen, die wirklich den Rhythmus des Unternehmens bestimmen.
Wenn Sie bei einem Vorhaben feststecken, halten Sie inne. Identifizieren Sie Ihre persönliche 5er-Liste. Wenn eines Ihrer Teammitglieder feststeckt, helfen Sie ihm, seine 5er-Liste zu erstellen. Damit sparen Sie sich oder dem Teammitglied den Kampf gegen Windmühlen – und ermöglichen es, die Energie in die Beziehungen zu stecken, die den Unterschied zwischen Stillstand und echtem Fortschritt ausmachen.
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