Für alle Fragen rund um unsere Webseite, unsere Medien und Abonnements finden Sie hier den passenden Ansprechpartner:
Übersicht Ansprechpartner
Beitrag von Daniel Caroppo aus managerSeminare 339, Juni 2026
Eine Szene in einem mittelständischen Unternehmen, die ich tatsächlich so erlebt habe: Die Geschäftsführerin wollte sich öffentlich von einem langjährigen, aber konfliktbelasteten Kollegen verabschieden. Eine Kollegin aus der Kommunikationsabteilung erstellte gemeinsam mit ChatGPT ein Statement. Der Prompt war perfekt: „Formuliere eine empathische, aber professionelle Abschiedsrede für einen verdienten Kollegen.“ Das Ergebnis sah dann so aus: „Im Namen der gesamten Geschäftsführung möchten wir Herrn Meier für sein jahrzehntelanges Engagement danken. Sein unermüdlicher Einsatz, seine Expertise und seine Loyalität haben unser Unternehmen entscheidend geprägt. Wir wünschen ihm für seinen weiteren Weg von Herzen alles Gute.“ Ein freundlicher Text, recht glatt, aber formvollendet. Doch als die Geschäftsführerin ihn las, blieb sie still. Denn er klang nicht nach ihr. Und nicht nach dem, was wirklich gewesen war. Sie schrieb den Text selbst um. Kürzer. Härter. Aber auch aufrichtiger. „Wir haben gestritten. Oft. Und nicht leise. Aber ohne ihn wäre dieses Unternehmen nicht da, wo es heute steht.“ In der Belegschaft wurde zögerlich applaudiert, aber auch genickt. Weil der Satz ehrlich war. Und weil in ihm eine Haltung zum Ausdruck kam. Und genau da fängt das Problem an. Der KI-Text war nicht falsch. Er war nur so glatt, dass keiner mehr geglaubt hätte, dass er von der Geschäftsführerin stammt. Verdacht ist Gift, überall dort, wo Sprache Vertrauen tragen soll.
Sprachmodelle arbeiten nicht mit Absicht, sie arbeiten mit Wahrscheinlichkeit. Sie berechnen, welches Wort als Nächstes am plausibelsten ist, gemessen an Milliarden bereits geschriebener Sätze, und genau deshalb klingen ihre Vorschläge oft so, als wolle man niemandem wehtun. Das verbreitet sich schnell, und es wird gefährlich, sobald Organisationen und Führungskräfte es mit Kommunikation verwechseln. Denn Wirkung entsteht nicht aus Fehlerfreiheit und Perfektion, sondern aus Herkunft und Haltung: Wer spricht hier. Wofür steht diese Person oder dieses Unternehmen. Was wird riskiert. Was wird bewusst ausgeschlossen. Genau diese Spur geht verloren, wenn Führungskräfte Texte nur noch erzeugen lassen.
Wirkung in der Kommunikation entsteht nicht aus Fehlerfreiheit und Perfektion, sondern aus Herkunft und Haltung: Wer spricht hier? Wofür steht diese Person oder dieses Unternehmen? Was wird riskiert? Genau diese Spur geht verloren, wenn Führungskräfte Texte nur noch erzeugen lassen
Ja, man könnte – durch wohlbedachtes Prompten – die Gefahr reduzieren, mit KI nur verdächtig glatte und gefällige Texte zu produzieren. Aber: Meiner Beobachtung nach tut man es nicht; aus folgendem Grund: In vielen Unternehmen war Sprache schon vor dem Aufkommen von Large Language Models eine Art Sicherheitskleidung. Man formuliert so, dass am Ende möglichst nichts haftet. Man entschärft, harmonisiert, poliert. Und wer zu klar ist, gilt schnell als schwierig. Das ist selten auf das moralische Versagen Einzelner zurückzuführen, es ist ein Systemreiz. KI hat diesen nicht erfunden, doch sie skaliert ihn nun. Weil sie für jedes Bedürfnis nach Unverbindlichkeit sofort den perfekten Satz liefert.