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Beitrag von Markus Väth aus managerSeminare 338, Mai 2026
Hausgemachtes Hinterherhinken: Warum wir mit unserer Arbeit niemals fertig werden
Übergänge ritualisieren, Gedanken parken: Wie wir von unserer Arbeit mental besser loskommen
Entlastung durch Effizienzsteigerung: Wie sich durch autonomes Zeitmanagement und systematische Entrümplung der Entgrenzungsdruck der Arbeit reduzieren lässt
Wille zum Wellbeing: Wie sich gesunde Arbeitsbegrenzung über variable Vergütung fördern lässt
Hier geht es zur gesamten Ausgabe managerSeminare 338
Für viele von uns ist Arbeit ein sehr wichtiger, für manche gar der wichtigste Teil des Lebens. Arbeit verschafft Sinn, Struktur und eine Existenzgrundlage. Daher ist es verständlich, wenn wir Freizeit oder private Bedürfnisse hinter die Arbeit zurückstellen. Zumal wir in einer „Leistungsgesellschaft“ leben, in der wir uns wesentlich über unseren Job definieren. Wer der Arbeit in seinem Leben scheinbar zu wenig Platz einräumt, gilt als verdächtig – in besonders leistungsorientierten Kreisen kann das bis zur sozialen Ausgrenzung gehen. Wer dagegen in seiner Arbeit aufgeht, sie buchstäblich (auch in seiner Freizeit) lebt, gilt als vorbildlich.
Dennoch sollten wir meiner Meinung nach gegenüber einer allumgreifenden Präsenz der Arbeit in unserem Leben misstrauisch sein. Allein schon deshalb, weil sie in der Regel keine freie Entscheidung ist, sondern Folge von Entwicklungen, die – zumindest aus arbeitssoziologischer Perspektive – vergleichsweise jung sind. Im Zeitalter der Industrialisierung haben die meisten Menschen in Fabriken gearbeitet. Eine Fabrik bleibt vor Ort, man kann sie nicht mit nach Hause nehmen. Mit Büroarbeiten war es bis zur gesellschaftlichen Durchdringung des Internets am Anfang des Jahrhunderts das Gleiche. Arbeit wurde im Büro erledigt, Mobiltelefone gab es noch nicht, DSL auch noch nicht, und die Arbeitszeiten waren fest geregelt. Überall und jederzeit verfügbar ist die Arbeit also erst „seit Kurzem“. Bedeutet: Durch die räumliche und technologische Entgrenzung der Arbeit sind wir „modernen“ Beschäftigten deutlich anfälliger dafür, uns von der Arbeit vereinnahmen zu lassen als die Menschen früherer Generationen.
Auch deshalb, weil Arbeit heutzutage immer da ist, immer getan werden will. Wir haben längst den Tipping Point hinter uns gelassen, an dem wir als Gesellschaft sagen könnten: Arbeit ist bis zum Feierabend erledigt. Stattdessen hinken wir unserer Arbeit kontinuierlich hinterher. Was nebenbei gesagt nicht zuletzt daran liegt, dass viele von uns einen großen Teil ihrer Arbeitszeit mit unproduktivem Austausch verbringen, statt „wirklich“ zu arbeiten. Stichwort: Kooperationsinfarkt (siehe dazu Kasten „Mehr zum Thema“, Serienteil 1). Und es hängt paradoxerweise auch mit der Vielzahl von Prozessen und Tools zusammen, die uns die Arbeit eigentlich erleichtern sollen – und in der Praxis häufig genau zum Gegenteil führen. Stichwörter: Prozessionismus und Toolismus (siehe Kasten „Mehr zum Thema“, „Prozessionismus in der Wissensarbeit“).
Sogar die Freizeit bzw. der Urlaub wird für die Arbeit instrumentalisiert. Fragt man Menschen, warum sie in den Urlaub fahren, sagen viele: Ich will mich von der Arbeit erholen. Das ist eine verständliche, aber im Grunde absurde Aussage. Bedeutet sie doch, dass sie sich im Arbeitsprozess so verschleißen, dass sie zwei Wochen brauchen, um sich zu erholen – nur um dann wieder in die gleiche Tretmühle zurückzukehren, die so sehr erschöpft, dass sie bald wieder Urlaub benötigen. Wäre es da nicht viel sinnvoller, die Arbeit so zu gestalten, dass sie einen nicht erschöpft, sondern im besten Fall sogar Kraft und Energie verleiht?